1. EnBW-Klimakongress
"Klima im Wandel - Fakten, Folgen, Perspektiven"
Der 1. EnBW-Klimakongress stellte mit der "Berliner Erklärung" einen von den Experten gemeinsam erarbeiteten Fahrplan zum Klimaschutz vor.
Der Wandel des Klimas hat bereits begonnen. Um dramatische Fol- gen abzuwenden, sind jetzt rasche Entscheidungen und konsequente Taten notwendig. Ein enges Zusammenwirken zwischen Politik, Wirt- schaft, Wissenschaft und Gesellschaft – national wie international – ist die wichtigste Voraussetzung, um die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen.
Der 1. EnBW-Klimakongress mit dem Titel "Klima im Wandel – Fakten, Folgen, Perspektiven" versammelte am 20. und 21. September 2006 renommierte Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer aus aller Welt, um über den Klimawandel zu beraten und gemeinsame Lösungsstrategien zu entwickeln.
Als wissenschaftlicher Beirat des Kongresses standen der EnBW mit Professor Hans Joachim Schellnhuber und Professor Stefan Rahmstorf (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) sowie Professor Mojib Latif (Leibniz Institut für Meereswissenschaften IFM GEOMAR) die bedeutendsten deutschen Klimaforscher zur Seite.
Bei der Eröffnung des Kongresses lobte Umweltminister Gabriel die EnBW. Dann beschäftigte sich der Kongress mit einer Analyse der vorhandenen Fakten zum Klimawandel. Anschließend wurden die teils schon dramatischen Folgen dieser Entwicklung dargestellt und diskutiert.
Im dritten Teil des Kongresses wurden mögliche Lösungsperspektiven aufgezeigt. Als prominente Referenten sprachen unter anderem der US-Öko- nom Jeremy Rifkin ("Die H2-Revolution"), Sir David King, wissenschaftlicher Chefberater der britischen Regierung, sowie der australische Biologe und Bestsellerautor Tim Flannery ("Wir Wettermacher").
Per Videoschaltung betonte der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore vor den 150 Teilnehmern des Kongresses im Hotel RitzCarlton die Dringlichkeit des Handelns. Nur so ließen sich die negativen Folgen der Erderwärmung so weit wie möglich begrenzen.
Der Kongress endete mit der "Berliner Erklärung", mit der die internationalen Experten einen gemeinsam erarbeiteten Fahrplan zum Klimaschutz mit quantifizierten Zielen vorstellten.
Berliner Erklärung
Einleitung
Dieser internationale Kongress "Klima im Wandel – Fakten, Folgen, Perspektiven" hat internationale Wissens- und Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammengebracht, um effektive Handlungsoptionen für den Klimaschutz zu identifizieren. Die fortschreitende Klimaveränderung und ihre Ursachen sind bekannt, viele Folgen sind absehbar. Es liegt nun an uns, mit Entschlossenheit zu handeln, um die erheblichen Risiken des weltweiten Temperaturanstiegs so weit wie möglich zu minimieren.
Prämisse
Die Klimaforscher haben sich bereits mehrheitlich darauf geeinigt, dass die Klimaveränderung, die wir gegenwärtig erleben, hauptsächlich auf das Handeln des Menschen zurückzuführen ist: auf die Emissionen von Treibhausgasen, die durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehen, sowie auf Veränderungen in der Landnutzung. Insofern ist der Klimawandel an sich nicht mehr zu verhin- dern.
Nun kommt es vielmehr darauf an, das Risiko des "gefährlichen Klimawandels", das heißt eines Tem- peraturanstiegs, der eine ernste Bedrohung für Ökosysteme und Menschen darstellt, so weit wie möglich einzudämmen. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um den Anstieg der globalen mittleren Temperatur seit dem vorindustriellen Zeitalter unterhalb der Zwei-Grad-Marke zu halten. Uns ist bewusst, dass dieses Ziel eine große Herausforderung darstellt. Um unterhalb der Zwei-Grad-Grenze zu bleiben, müsste die Konzentration von Kohlendioxid und weiteren Treibhausgasen in der Atmosphäre bei einem Höchstwert von 450 ppm Kohlendioxid-Äquivalent, wahrscheinlich sogar bei einem noch niedrigeren Wert, stabil gehalten werden.
Dies erfordert eine Reduktion der weltweiten Emissionen um mehr als die Hälfte bis Mitte des Jahrhunderts, und das vor dem Hinter- grund der weiter zunehmenden globalen Industrialisierung und des rasant wachsenden globalen "Energiehungers". Da die Industrie- staaten die bei weitem höchsten Pro-Kopf-Emissionen haben, sowohl insgesamt als auch pro Kopf, müssen sie überproportional reduzieren, wahrscheinlich um 70 bis 80% bis 2050.
Doch auch wenn dieses Ziel erreicht wird, werden sich alle Länder darauf einstellen müssen, die Folgen des Klimawandels zu tragen, die durch die Emissionen der Vergangenheit bereits jetzt unvermeidlich auf die Erde zukommen. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, dass sich der weltweite Temperaturanstieg noch mehrere Jahrzehnte nach einer Stabilisierung der Treibhausgasemissionen fortsetzen wird.
Corporate Leaders Group und Rahmenbedingungen
Wir bekennen uns ausdrücklich zu dem oben dargestellten Ziel, das nur durch ein enges Bündnis von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erreicht werden kann. Dem britischem Beispiel der Corporate Lea- ders Group on Climate Change folgend, werden wir in Deutschland eine vergleichbare Gruppe ins Leben rufen. Wir wollen weitere Unter- nehmen motivieren, sich dieser Bewegung anzuschließen, und wir werden uns mit Unternehmensgruppen anderer Länder vernetzen.
Im Austausch mit Wissenschaft und Politik werden wir diejenigen Maßnahmen identifizieren und diejenigen Rahmenbedingungen formulieren, die notwendig sind, um die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten. Dies bedeutet unter anderem die Schaffung eines langfristigen Rahmen- werkes und eines globalen Markts für Emissionszertifikate mit effektiven Anreizen zur Reduzierung von Kohlendioxid-Emissionen.
Die bestehenden Ansätze sollen weltweit kompatibel gemacht und zusammengeführt werden. Die bereits bestehenden flexiblen Mechanismen des Kyoto-Protokolls – JI/CDM – sind ausgezeichnete Instrumente, die durch eine Entbürokratisierung noch effektiver gemacht werden können.
Deshalb müssen wir Vorschläge für eine Road-Map für den Zeitraum nach 2012 erarbeiten, die bestehende internationale Disparitäten überbrückt und auch die Schwellen- und Entwicklungsländer nicht ausklammern darf. Sie sollten durch flexible Verträge einbezogen werden, die der spezifischen Situation der Länder Rechnung tragen. Wir müssen die Ausgaben für Energieforschung deutlich steigern und Energieeffizienz ausbauen.
Kultureller Wandel
Das Zwei-Grad-Ziel kann nur durch einen Wendepunkt im globalen Bewusstsein erreicht werden: Der Klimaschutz muss von der Gesellschaft insgesamt als zentrale und akute Herausforderung erkannt werden. Diese Herausforderung ist zugleich eine große Chance: die Chance, die menschliche Gesellschaft auf ein nachhaltiges, zukunftsfähiges wirtschaftliches Fundament zu stellen.
Berlin, 21. September 2006