Energie braucht Impulse
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"Mehr Kühnheit"

wünscht sich Professor Hans Joachim Schellnhuber, Deutschlands führender Klimaforscher. Der Keynote-Speaker des 3. Deutschen Klimakongresses, den die EnBW am 26. November in Berlin ausrichtet, spricht über Klimawandel und Klimaschutz. Im Audio-Interview wirft er einen ganz persönlichen Blick in die Zukunft.



Herr Professor Schellnhuber, Sie haben vor Jahren geschätzt, der Klimaschutz würde nur ein Prozent des weltweiten Sozialprodukts kosten. Stimmt diese Zahl noch?

 

Die Zahl hat sich eher erhärtet. Es gibt neue Studien, die von einem halben bis zu zwei, drei Prozent des Weltsozialprodukts ausgehen. So viel muss man aufwenden, um den Klimawandel in erträglichen Grenzen zu halten. Doch das sind nur die direkten Aufwendungen – die vermiedenen Schäden, die viel höher liegen, sind nicht gegengerechnet. Auch Innovations- und Wachstumsimpulse, zum Beispiel bei der Elektromobilität, sind nicht eingepreist. Unterm Strich würde ich die These wagen, dass wir sogar ohne Berücksichtigung der vermiedenen Schäden einen Nettogewinn haben würden.

 

Warum ist es dann so schwer, Investitionen in den Klimaschutz durchzusetzen?

 

Ich spüre allenthalben, dass es nicht mehr so viele Unternehmer im klassischen Sinne gibt, die wirklich „Großes“ unternehmen wollen, das mit langfristigen Wagnissen verbunden ist und nicht mit 15 Prozent kurzfristiger Rendite. Wo sind die Suezkanalprojekte des 21. Jahrhunderts?

 

Wann wird der Klimawandel für jeden spürbar?

 

In unseren Breitengraden wahrscheinlich erst um das Jahr 2030. Aber auch dann noch werden die Umweltsignale mehrdeutig ausfallen. Was aber wahrscheinlich einen Umschwung in der Wahrnehmung auslösen dürfte, sind große Naturkatastrophen.

 

Was könnte passieren?

 

Es könnte einen Hurrikan der Kategorie 5 geben, der aus der Karibik kommend erst Miami schädigt, dann entlang der Golfküste sämtliche Ölplattformen in Mitleidenschaft zieht und schließlich in die Raffinerien von Houston hineinkracht. Die großen Rückversicherer haben dieses Szenario eines one trillion dollar storm bereits durchgespielt.

 

Muss es erst so weit kommen?

 

Nein, auch wenn man immer wieder an der Art, wie die öffentliche Debatte zum Klimaschutz geführt wird („Pro und Contra“), verzweifeln könnte. Aber die Weltgeschichte lehrt, dass große Probleme auch dadurch gelöst werden, dass sich weitsichtige Pioniere in den Dienst einer Sache gestellt haben. Meine Hoffnung ist, dass ein Netzwerk entsteht von globalen Denkern, Wirtschaftsführern, Künstlern, Wissenschaftlern, die an vielen Stellen gesellschaftliche Entscheidungen in eine etwas andere Richtung lenken können, und dass daraus ein Strom erwächst, der in eine zukunftsfähige Entwicklung mündet.

 

Die Frage des 3. Deutschen Klimakongresses, den die EnBW am 26. November in Berlin ausrichtet, lautet: „Klimaschutz – was ist machbar?

 

“ Vieles ist machbar! Wir werden mit Sicherheit ein effizienteres System der Mobilität bekommen. Der Otto-Motor wird in absehbarer Zeit, vielleicht in 20 Jahren, durch den Elektromotor ersetzt werden. Die erneuerbaren Energiequellen werden eine zentrale Rolle spielen, denn Wind und vor allem Solarthermie haben ein enormes Potenzial. Eine wichtige Brückentechnologie wird aber auch die Kohlenstoffabscheidung und -speicherung sein, bei der das CO2 in fossilen Kraftwerken aufgefangen und unterirdisch verpresst wird. Und die Architekten sprechen heute noch von Niedrigenergiehäusern. Die Häuser in mittlerer Zukunft werden sogar mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen!

 

Das sind große Visionen. Was aber können die Verbraucher schon jetzt im Kleinen tun?

 

Sie als Konsument können sich beim Kauf konkret für klimafreundliche Geräte entscheiden. Als Urlauber können Sie überlegen, ob Sie schnell mal nach Mallorca jetten wollen, oder ob es nicht auch eine Fahrradtour durch die Schorfheide tut. Als Kleinaktionär können Sie in Klimafonds investieren. Und als Wähler können Sie Ihre Wahlentscheidungen auch unter Nachhaltigkeitsaspekten treffen. Es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu bewegen.