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Nachhaltigkeit gehört zum Wesen von Leutkirch im Allgäu. Auf dem Wochenmarkt sind Bioprodukte längst normal, ein Carsharingsystem steht für die Verkehrswende, Fotovoltaikanlagen liefern Strom. „Schon lange beabsichtigen wir, auch die Windkraft voranzubringen“, sagt Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle. Bis zu vier Anlagen könnten bald im Stadt- und Staatswald entstehen. Das wäre ein erster großer Schritt zu den sieben Windrädern, die das Energieleitbild der Stadt vorsieht. Auf dem Weg dorthin will Henle alle Bürger*innen mitnehmen. Sie sollen möglichst früh sehen können, wie die Windräder in der Landschaft wirken.

Leutkirch

Die Stadt mit 22.000 Einwohner*innen engagiert sich seit mehr als 25 Jahren in Sachen Klimaschutz und wurde mehrfach ausgezeichnet. Gemeinsam mit der EnBW betreibt sie ein Pilotprojekt zur nachhaltigen Energiegewinnung. Dabei arbeiten Bürger*innen an einem bezahlbaren und sicheren Versorgungskonzept für die Kommune. Hoch ist in Leutkirch der Anteil von Fotovoltaik- und thermischen Solaranlagen pro Kopf. In der seit 2001 bestehenden „Solarbundesliga“ mit mehr als 2.000 Kommunen lag Leutkirch lange auf dem ersten Platz bei Städten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern.

Fotomontagen sind selten realistisch

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Jörg Henle, Oberbürgermeister der Stadt Leutkirch (Bild: EnBW / Fotograf: Paul Gärtner)

Der gute Vorsatz hat seine Tücken. „Mit handelsüblicher Software erstellte Fotomontagen zeigen selten ein realistisches Bild“, sagt Henle. Hinzu kommt, dass in der Öffentlichkeit selbst erstellte Fotos im verzerrten Maßstab kursieren. Dieses Problem kennt auch Michael Soukup, der für die EnBW Windenergieprojekte entwickelt. „Selbst aufwendig erzeugte Darstellungen auf Basis von herkömmlichen Karten sind ungenau.“ Das verunsichere die Menschen vor Ort.

Aus diesem Grund setzt die EnBW seit Neuestem das im eigenen Haus entwickelte Visualisierungsprogramm REVisAR bei Windkraftprojekten ein. „Die Software zeigt stets die tatsächlichen Größenverhältnisse“, sagt Soukup. Die Bilder geben nicht nur wieder, wie ein Windrad von einem einzigen Standort aus wirkt. Es lässt sich auch verfolgen, wie sich die Perspektive verschiebt, wenn der Betrachter den Platz wechselt.

App hilft auch bei Genehmigungsverfahren

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Auf dem Display kann live vor Ort zwischen verschiedenen Planungsvarianten gewechselt werden, um die optische Wirkung unterschiedlicher Standorte zu prüfen. Die erzeugten Animationen zeigen außerdem, wie sich die Rotorblätter drehen und die Gondeln je nach Windrichtung ihre Position ändern. Dadurch wird ein wesentlich realistischerer Eindruck vermittelt als durch statische Bilder. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, die Sonne virtuell über den an die Jahreszeiten angepassten Tagesverlauf wandern zu lassen. Dadurch kann die unterschiedliche Belichtung der geplanten Anlagen simuliert werden. Mit REVisAR erzeugte Bilder können auch im Genehmigungsverfahren helfen. Denn die zuständigen Behörden müssen unter anderem beurteilen, wie eine Windkraftanlage das Landschaftsbild verändert. Je realistischer die Darstellungen im Antrag sind, desto einfacher und schneller können die Ämter arbeiten.

Im Gespräch mit Philipp Hölscher, Produktverantwortlicher für REVisAR bei der EnBW

Warum nutzt REVisAR die Technik von Apple?

Apple gehört bei Augmented Reality zu den führenden Anbietern. Mit einem Designer haben wir detaillierte, wirklichkeitsgetreue 3-D-Modelle aller gängigen Windkraftanlagen erstellt, die in dieser Qualität sonst nicht verfügbar sind. Die Objekte können bis zu mehrere Kilometer vom eigenen Standort entfernt dargestellt werden – immer im richtigen Maßstab, ohne Verzerrungen. Und mithilfe von Wetterdaten beziehen wir automatisch den Einfluss von Sonne, Wolken und Regen ein.

Was kann REVisAR noch?

Es gelingt uns, Repowering-Projekte zu simulieren, also bestehende Windräder aus Fotos zu entfernen und durch zeitgemäße stärkere Windkraftanlagen zu ersetzen. Am Standort Walheim, nördlich von Stuttgart, haben wir in einer Visualisierung den geplanten Neubau dargestellt: Es zeigt das künftige Klärschlamm-Heizkraftwerk; am höchsten Punkt 38 Meter hoch, mit einem 56 Meter hohen Schornstein.

Was kommt als nächstes?

REVisAR kann schon komplexe Anlagen wie einen Solarpark, ein Umspannwerk oder Stromleitungen darstellen. Unser Ziel ist es, künftig jedes Objekt, also auch Transformatoren, E-Ladesäulen oder Industriehallen abzubilden. Unser Fokus liegt dabei auf großen Objekten und großen Distanzen.

Wie groß ist der Aufwand im Unterschied zu einem Windrad?

Nun, sehr groß. Für eine Windkraftanlage benötigt die Software exakt eine Koordinate. Wenn REVisAR einen Solarpark erfassen soll, muss jeder einzelne Fotovoltaik-Tisch mit entsprechendem Neigungswinkel berechnet und in die Landschaft eingepasst werden.

Bei einer Hochspannungsleitung benötigen Sie pro Mast auch nur eine Koordinate.

Das schon. Aber es gibt nicht nur zehn oder hundert Masten-Varianten, sondern Tausende. Bei einem welligen Gelände mit Hügeln und Senken ist ein Mast mal 17,5 Meter hoch, der andere steht tiefer und misst vielleicht 26 Meter. Und schauen Sie sich an einem Umspannwerk mal die komplexe Einzelstruktur an.

Da haben die Entwickler ihren Spaß.

Ja, bestimmt! Es ist ein kreativer Prozess, hierzu jeweils eine Lösung zu finden, die nutzerfreundlich ist.

REVisAR ist bei der EnBW inzwischen eine feste Größe?

REVisAR ist bei der EnBW inzwischen europaweit an 210 Projekten beteiligt. REVisAR hat sich bewährt. Unser Plan: Bis zum Sommer wollen wir damit auf den Markt.

Mit naturgetreuer Darstellung Diskussionen versachlichen

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Oberbürgermeister Jörg Henle und Philipp Hölscher von der EnBW testen das Visualisierungsprogramm REVisAR in der Praxis (Bild: EnBW / Fotograf: Paul Gärtner)

Die Stadt Leutkirch hat das digitale Werkzeug im vergangenen Jahr mehrfach eingesetzt. „An einem Samstagvormittag sind wir im Bus zu einer Rundfahrt gestartet“, sagt Henle. Mit dabei waren Lokalpolitiker*innen sowie drei Personen aus der Bürgerschaft, die dem Projekt kritisch gegenüberstehen. „Wir fuhren zu verschiedenen Standorten und haben uns auf Tablets angesehen, welche Änderungen im Landschaftsbild zu erwarten sind.“ Bei einem Informationsabend in der städtischen Festhalle mit 200 Menschen kamen Aufnahmen von REVisAR ebenfalls zum Einsatz. „Die Bilder haben dazu beigetragen, die Diskussion zu versachlichen – das war ein wichtiger Baustein“, sagt Henle.

Anwendung wird ausgebaut

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Leutkirch ist nicht der einzige Ort in Baden-Württemberg, der REVisAR nutzt. Mehreren Kommunen stellt die EnBW das System bereits zur Verfügung, um gemeinsam den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzubringen. Dabei wird es in Zukunft nicht nur um Windkraft gehen. Auch Freiflächen-Solarparks, Umspannwerke oder neue Strommasten lassen sich mit REVisAR während der Planungsphase wirklichkeitsgetreu darstellen. Weitere Möglichkeiten befinden sich in der Entwicklung.

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