Die E-Mobility-Allee: Eine Straße unter Strom

Auf den ersten Blick sieht die Belchenstraße in Ostfildern-Ruit so aus wie jede andere Wohnstraße in Deutschland: Links und rechts gepflegte Reihenhäuser mit Vorgärten, davor parken ordentlich die Autos der Bewohner. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich: Wir sind in einer „E-Mobility-Allee“.

Bis September 2019 waren auf 100 Metern Straßenlänge fünf von acht Fahrzeugen Elektroautos. An dem kleinen Wendehammer sind zwei Ladestationen installiert. Seit Juni 2018 hatte die Netze BW, eine 100%ige Tochter der EnBW, hier in einem Pilotprojekt getestet, wie sich die Elektromobilität auf das Stromnetz auswirkt und wie sich das Ladeverhalten kundenfreundlich steuern lässt, ohne dass das Netz überlastet wird. Denn schon heute gilt es, die Stromnetze fit zu machen für die Mobilität von morgen. Die spannende Frage, die sich stellte: Was geschieht, wenn viele Anwohner, die über denselben Stromkreis mit Energie versorgt werden, gleichzeitig auf Elektrofahrzeuge umsteigen?

Für das Testprojekt hatte die Netze BW zehn Haushalte für anderthalb Jahre mit E-Autos und der entsprechenden Ladeinfrastruktur ausgestattet. Die teilnehmenden Haushalte standen repräsentativ für Ballungsräume in Baden-Württemberg: In den Eigenheimen der Belchenstraße wohnen Familien mit Kindern ebenso wie junge Paare und Rentner — Menschen mit einem unterschiedlichen Lebensstil und unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnissen.


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E-Mobil im Alltag

Einer der Teilnehmer war Norbert Frank. Der Unternehmer und Familienvater schilderte seine Motivation: „Wir haben zwar schon zwei Autos, dachten aber, dass es eine sinnvolle Ergänzung sei, vor allem für Strecken bis etwa 50 Kilometer. Das sind die Entfernungen, die vor allem meine Frau täglich zurücklegt. In erster Linie nutzte sie den E-Golf, den uns die Netze BW zur Verfügung gestellt hat.“ Die Erfahrungen? „Durchweg positiv“, sagte Frank. „Es funktionierte alles, das Fahren, das Laden, und von irgendwelchen Engpässen im Stromnetz haben wir auch nichts gemerkt.“ Das tägliche Laden gestaltete sich für das Ehepaar Frank unkompliziert. In der Garage war eine kompakte rechteckige Ladestation an der Wand befestigt, die wenig Platz beanspruchte: eine sogenannte Wallbox. Hier wurde das E-Auto mit Strom „betankt“, in aller Regel abends oder über Nacht.

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Intelligentes Lademanagement

Christian Bott betreute bei der Netze BW das Pilotprojekt. Er erklärte: „Normalerweise dauert es drei bis fünf Stunden, bis die Batterien eines solchen E-Golfs wieder voll sind. Wenn allerdings viele E-Mobilisten in der Belchenstraße gleichzeitig ihr Fahrzeug laden, dann fahren wir die Ladeleistung pro Fahrzeug runter. Die Ladezeit verlängert sich dadurch natürlich. Aber unser intelligentes Lademanagement berücksichtigt die Ladestände und die voraussichtlichen Abfahrtszeiten der E-Autos und steuert automatisch die Ladevorgänge. Für die Nutzer ist es am nächsten Morgen egal, ob ihr Auto in der Nacht nun drei, fünf oder acht Stunden zum Laden benötigt hat.“

E-Autos stehen auf einer Auffahrt und werden geladen.

Dank eines intelligenten Lademanagements kam es in der Mobilitätsallee zu keinen Engpässen.

Vom Hybrid zum reinen Stromer

Norbert Frank ist geneigt, auch nach Ende des Testprojekts ein E-Auto zu nutzen. „Für Kurzstrecken auf jeden Fall, da kann ich nur jedem ein E-Fahrzeug empfehlen.“ Franks Nachbar Norbert Simianer sieht die Sache ähnlich. „Im Nahbereich funktioniert die Elektromobilität einwandfrei, bei längeren Strecken muss man allerdings etwas im Voraus planen“, sagt der Pensionär, der im Vorfeld bei den Anwohnern der Belchenstraße intensiv für das Pilotprojekt der Netze BW geworben hatte. „Ich fahre schon seit einiger Zeit ein Hybridauto. Jetzt wollte ich wissen, wie es ist, rein elektrisch unterwegs zu sein.“ Als Testfahrzeug nutzte Simianer einen Renault Zoe. Sein Fazit: „Der Zoe ist sehr alltagstauglich. Ich habe das Auto so wie mein eigenes genutzt.“ Und deshalb hat der ehemalige Schulrektor mit dem Elektroauto auch schon längere Reisen unternommen. „Wir waren damit bereits am Bodensee, in der Schweiz. Durch die EnBW mobility+ App hatten wir auch dort Zugang zu vielen Ladepunkten.“

Die Batterie als Zwischenspeicher

„Herr Simianer wohnt elektrisch gesehen am Kabelende des Stromnetzes in der Belchenstraße. Zugleich fuhr er ein E-Auto, das mit 22 Kilowatt eine hohe Ladeleistung zieht“, erläuterte Netze BW-Experte Bott. „Um das Netz bei diesen Gegebenheiten zu entlasten, haben wir hier neben der Wallbox einen Batteriespeicher installiert. Dieser wird zu Tageszeiten gefüllt, zu denen kein Elektroauto am Stromnetz hängt. Der Kunde bekam davon nichts mit und musste sich um nichts kümmern.“

Waren die beiden E-Mobility-Tester Frank und Simianer also wunschlos glücklich mit ihren Testwagen und Ladestationen? „Im Nahbereich klappte alles wunderbar. Was uns aber noch wichtig ist: Der Strom für die Elektroautos sollte natürlich möglichst grün erzeugt sein.“

Ein E-Auto der Netze BW wird geladen.

Positives Resümee

Nach anderthalb Jahren ist das Projekt im Kreis von Anwohnern und Vertretern aus Landesregierung, Kommunalpolitik und Forschung mittlerweile zu Ende gegangen. Das Resümee ist eindeutig: „Das bundesweit einmalige Projekt hat die Elektromobilität für die Menschen erlebbar gemacht und so zur Akzeptanz dieser Antriebstechnik in der Bevölkerung beigetragen“, sagte Baden-Württembergs Umwelt- und Energieminister Franz Untersteller. Auch Ostfilderns Bürgermeisterin Monika Bader ist von dem Projekt angetan und betont die große Bedeutung von E-Mobilität für die Energiewende.

Besonders positiv: Im Projektverlauf wuchs das Vertrauen der Teilnehmer in die Reichweite der E-Autos zunehmend. Während sie ihre Fahrzeuge anfangs vergleichsweise häufig an ihrer Wallbox luden, wurden die Abstände der Boxenstopps an der heimischen E-Tankstelle immer größer. „Die oft geäußerte Befürchtung, wonach alle E-Autos nach Feierabend gleichzeitig laden und dadurch das Netz überlasten, scheint nach dieser Erfahrung nicht realistisch zu sein“, folgerte Netze BW-Projektleiterin Selma Lossau.

Nach dem Pilotprojekt ist vor den nächsten Tests

Nachdem die E-Mobility-Allee in Ostfildern zu Ende gegangen ist, stehen bereits die nächsten Projekte in den Startlöchern: Im Rahmen des „E-Mobility-Carré“ läuft ab Anfang 2020 ein weiterer Testlauf. Dort erhalten Bewohner einer Wohnanlage 45 Elektroautos und rund 60 Ladepunkte werden installiert. Ziele sind die Erprobung von intelligentem Lademanagement und die Entwicklung kundenfreundlicher Netzanschlüsse in Mehrparteienhäusern. Ein weiteres Testszenario ist mit der „E-Mobility-Chaussee“ darüber hinaus in einem ländlichen Umfeld geplant.

 

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