Der Ausbau erneuerbarer Energien hat in Deutschland politische Priorität. So müssen die Bundesländer laut Windenergieflächenbedarfsgesetz (WindBG) unterschiedliche Anteile ihrer Landesflächen für den Bau von Windenergieanlagen (WEA) zur Verfügung stellen. Insgesamt zwei Prozent des Gesamtgebietes der Bundesrepublik soll so bis Ende 2032 für die Erzeugung von Windenergie nutzbar werden. Besonders in den waldreichen Bundesländern wie Hessen oder Baden-Württemberg werden daher auch Waldflächen betroffen sein.
Der Fachagentur Wind- und Solarenergie (FA Wind und Solar) zufolge beansprucht eine WEA an einem Waldstandort in Deutschland durchschnittlich jeweils eine Fläche von 0,95 Hektar (zum Vergleich beträgt die Größe eines Fußballfeldes etwa 0,7 Hektar). Knapp die Hälfte davon, nämlich 0,47 Hektar, wird demnach nur für die Arbeits- und Montagetätigkeiten während der Bauphase gerodet und innerhalb von zwei bis drei Jahren wieder aufgeforstet.
Langfristig mehr Waldfläche als vorher
Auch der verbleibende Flächenanteil muss langfristig in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden: Zwar bleiben über die gesamte Betriebsdauer einer WEA durchschnittlich 0,48 Hektar Waldfläche frei von Bäumen – etwa für das bis zu rund 30 Meter durchmessende Fundament aus Stahl und Beton, für Stellflächen für Kräne für Wartungen oder Reparaturen sowie gegebenenfalls für Zufahrtswege.
Doch auch diese sogenannte dauerhafte Waldumwandlung wird nicht für immer, sondern nur für die Betriebsdauer einer Anlage und damit in der Regel für 20 bis 25 Jahre genehmigt, sagt Jürgen Quentin von der FA Wind und Solar. Anschließend müssen das Fundament restlos entfernt und die Flächen wiederaufgeforstet werden.
„Hinzu kommt, dass als unmittelbarer Ersatz für die umgewandelten Flächen eine Aufforstung an anderer Stelle mindestens im gleichen Umfang erfolgen muss“, resümiert Quentin. Auf lange Sicht könnten die im Zusammenhang mit dem Bau und Betrieb einer WEA erforderlichen Rodungen daher sogar zu einem Zuwachs von Waldfläche führen.
Einfluss auf das Ökosystem
Im Verhältnis zur Gesamtwaldfläche in Deutschland von rund 11,4 Millionen Hektar ist der längerfristig für die Erzeugung von Windenergie genutzte Anteil von durchschnittlich rund 0,48 Hektar pro WEA darüber hinaus sehr gering: Bei den 2.450 WEA, die laut FA Wind und Solar Ende 2023 an Waldstandorten standen, beträgt dieser insgesamt 1.185 Hektar oder 0,01 Prozent.
Negative ökologische Auswirkungen hat der Bau von Windenergieanlagen in Waldgebieten dennoch. Wälder sind essenziell für das Ökosystem und den Artenschutz. Als sogenannte Kohlenstoffsenken entziehen sie der Atmosphäre CO₂ und speichern es dauerhaft im Boden ein.
Auch wenn eine gerodete Fläche schnell wiederaufgeforstet werde, könnten Jahre oder sogar Jahrzehnte vergehen, bis sie ihre ursprüngliche Ökosystemleistung wieder vollständig erbringen könne, sagt Dr. Paul Lehmann, Juniorprofessor für Umwelt- und Energieökonomik an der Universität Leipzig und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. „Dazu kommt: Die Störwirkung einer Windenergieanlage geht in vielen Fällen deutlich über den halben Hektar gerodeter Waldfläche hinaus, auf dem sie steht.“ Die häufig deutlich größeren Lebensräume vieler Wildtiere würden regelmäßig zerschnitten oder sogar ganz zerstört.
Wo Windenergieanlagen unbedenklicher sind
Allerdings sei nicht jeder Wald gleich: „Der Bau von Windenergieanlagen in Monokulturen ist ökologisch unbedenklicher als in alten, diversen Wäldern mit einer Mischung aus Laub- und Nadelbäumen.“ Manchmal könnten auch sogenannte Kalamitätsflächen genutzt werden, in denen der Baumbestand bereits durch Stürme oder Schädlinge geschädigt sei. Dort werden Maßnahmen zur ökologisch gleich- oder hochwertigeren Wiederaufforstung in einigen Fällen erst dadurch finanzierbar, dass die Waldbesitzer die Flächen teilweise für die Aufstellung von WEA verpachten und so potenziell hohe Einnahmen erzielen.
Dieser Tatsache tragen bereits heute zahlreiche Bundesländer in ihren jeweiligen Waldgesetzen Rechnung. Als potenzielle Standorte für WEA kommen dort nur junge und monokulturell genutzte Wirtschaftswälder infrage. Gebiete mit besonders hohem ökologischem Wert wie etwa Nationalparks oder Naturschutzgebiete sind von einer Umnutzung generell ausgeschlossen.
Fazit
Der Bau von Windenergieanlagen im Wald beeinträchtigt die betroffenen Flächen in der Regel nur temporär, da sie nach der Betriebszeit wieder aufgeforstet werden müssen. Darüber hinaus ist von einer solchen Umnutzung nur ein minimaler Anteil der Gesamtwaldfläche in Deutschland betroffen. Dennoch können die Eingriffe langfristige nachteilige Auswirkungen auf die Ökologie haben, insbesondere auf die Biodiversität und die Funktion von Wäldern als Kohlenstoffsenken. Die Umnutzung von Nadelbaum-Monokulturen ist weniger problematisch als die von diversen, alten Laubwäldern.