Die Panzertür zum Hochbehälter ist so dick wie die Wände eines Tresors. Hinter ihr verbirgt sich einer der wertvollsten Schätze Stuttgarts: Trinkwasser. Wer einen der rund 40 Hochbehälter auf den Hügeln der Landeshauptstadt betreten will, muss Schutzkleidung tragen. Kein Besucher soll Schmutz an diesen Ort bringen, zehn Meter unter der Erde.
Das unterirdische Bauwerk erinnert mit seinen hohen Säulen eher an eine antike Therme als an ein Wasserreservoir. Drei gewaltige Becken fassen zusammen rund 25 Millionen Liter Trinkwasser. Die Temperatur liegt das ganze Jahr zwischen fünf und neun Grad. „Im Grunde ist das ein riesiger Lebensmittelspeicher“, sagt Thomas Zuber, Wassermeister bei Netze BW Wasser. Deshalb ist es streng verboten, auch nur eine Hand ins Becken zu halten. In diesem Fall müsste der gesamte Inhalt ausgetauscht werden.
Der Hochbehälter ist das letzte Glied einer Versorgungskette, die viele Hundert Kilometer zuvor beginnt. Bis das Wasser hier ankommt und später aus dem Hahn fließt, wird es gefördert, aufbereitet, transportiert und unzählige Male kontrolliert. „Hinter einem Glas Leitungswasser steckt ein technischer und organisatorischer Aufwand, den sich die meisten Menschen nicht vorstellen können“, sagt Zuber.
Hinter einem Glas Leitungswasser steckt ein technischer und organisatorischer Aufwand, den sich die meisten Menschen nicht vorstellen könnenAnteil der Wasserarten an der Trinkwassergewinnung in Deutschland im Jahr 2022
Quellen: Heinrich-Böll-Stiftung; BUND
©Statista 2026
Trinkwasser kann aus ganz unterschiedlichen Quellen stammen. Zu etwa 70 Prozent handelt es sich um Grundwasser. In Stuttgart trifft das auf die Hälfte der knapp 50 Milliarden Liter Trinkwasser zu, die pro Jahr durch die Leitungen fließen. Es hat seinen Ursprung im Donauried bei Ulm. Ein ebenso großer Teil wird im Bodensee in 60 Metern Tiefe gefördert.
Die zuständigen Zweckverbände reinigen das Rohwasser und schicken es dann auf die Reise durch Rohrleitungen mit bis zu 1,80 Meter Durchmesser. „Am Zielort Stuttgart speichern wir das Wasser in unseren Hochbehältern“, sagt Zuber. Ein ausgeklügeltes Verteilsystem sorgt dafür, dass es immer mit dem nötigen Druck aus dem Wasserhahn kommt. Für Stuttgart ist die überregionale Versorgung wichtig, denn dort gibt es im Gegensatz zu anderen deutschen Kommunen kaum eigene Trinkwasservorkommen.
So viel Wasser gibt es auf der Erde
Nur ein winziger Teil des auf der Erde verfügbaren Wassers ist als Trinkwasser verfügbar. Rund 97 Prozent des Wassers sind Salzwasser. Vom Süßwasser wiederum sind fast 99,7 Prozent in Gletschern, Eis oder tiefen Gesteinsschichten gebunden. Lediglich 0,3 Prozent zirkulieren als Flüsse, Seen, Grundwasser oder Wasserdampf im natürlichen Wasserkreislauf
Wie schmeckt’s? Kommt drauf an!
Wasser ist zwar nicht immer gleich, aber überall gleich gut.
Das deutsche Trinkwassersystem gilt als eines der weltweit modernsten. Jedes Jahr investieren Versorger rund drei Milliarden Euro in Leitungen, Wasserwerke, Hochbehälter und Brunnen. Mehr als die Hälfte fließt allein in das rund 544.000 Kilometer lange Netz – das mehr als 13 Mal den Globus umspannen würde.
Trinkwasser ist überall in Deutschland sauber und sicher – der Geschmack unterscheidet sich allerdings. „Je nach Herkunft gibt es deutliche Unterschiede“, sagt Frank Sacher vom DVGW-Technologiezentrum Wasser (TZW) in Karlsruhe. Grundwasser habe zum Beispiel eine andere Zusammensetzung als Wasser aus Talsperren oder Seen.
Vor allem die natürlichen Mineralstoffe prägen den Charakter des Wassers. Ein hoher Gehalt an Calcium und Magnesium macht es härter. Das hinterlässt Kalkflecken auf Armaturen und Waschbecken und kann auch den Geschmack von Tee oder Kaffee beeinflussen. Ein Qualitätsunterschied ist das jedoch nicht. Sacher: „Wasser ist zwar nicht immer gleich, aber überall gleich gut.“
Allerdings können hohe Temperaturen dem Wasser zusetzen. Denn je wärmer es ist, desto wohler fühlen sich Bakterien. Deshalb sollte man nach längerer Abwesenheit das sogenannte Stagnationswasser, das in den Leitungen gestanden hat, nicht mehr trinken, sondern Ablaufen lassen oder zum Putzen und Blumengießen verwenden.
Bis zu 30.000 Wasserproben im Jahr
Damit das Wasser immer sauber bleibt, arbeiten Versorger und Netzbetreiber rund um die Uhr an der Sicherheit des Trinkwassers. Das gilt auch für das akkreditierte Trinkwasserlabor der Netze BW Wasser. Unter den 20 Beschäftigten in Stuttgart sind Fachleute für Chemie, Mikrobiologie, Umwelt und Pharmazie. Das Labor untersucht bis zu 30.000 Proben pro Jahr. Sie kommen von festen Entnahmepunkten im 2.500 Kilometer langen Stuttgarter Wassernetz.
Leiter Martin Schneider arbeitet seit 30 Jahren in dem weiträumigen Labor am Ufer des Neckar. „Die Anforderungen haben über die Jahre ständig zugenommen“, sagt der Lebensmittelchemiker. Was für Trinkwasser gilt, regelt die Trinkwasserverordnung (TrinkwV). Sie ist seit 2023 in Kraft.
Schneider führt seinen Besuch durch drei große Räume, in denen Mitarbeitende an Tischen stehen. Für ihre Arbeit nutzen sie nicht nur Pipette, Reagenzglas und Kolben. Ein wichtiges Hilfsmittel sind hochmoderne Geräte, die zum Teil 160 Proben zur gleichen Zeit analysieren können. Viele dieser Prozesse sind digitalisiert und werden durch moderne Software gesteuert.
Krieg den Keimen!
Es gelangt ins Grundwasser, wenn mehr Dünger ausgebracht wird, als Pflanzen und Böden aufnehmen können
In dem Stuttgarter Labor arbeiten drei Untersuchungsbereiche Hand in Hand. Die Mikrobiologie fahndet nach Krankheitserregern wie Legionellen oder Koli-Bakterien. Die physikalisch-chemische Analytik prüft Nitrat und Hauptbestandteile des Wassers wie Calcium und Magnesium. Der dritte Bereich ist auf Spurenstoffe angesetzt – darunter fallen Substanzen wie Arzneimittelrückstände, Industriechemikalien sowie Pestizide und Schwermetalle, die schon in kleinsten Mengen problematisch sein können.
Besonders im Fokus steht Nitrat. „Es gelangt ins Grundwasser, wenn mehr Dünger ausgebracht wird, als Pflanzen und Böden aufnehmen können“, sagt Laborleiter Schneider. Im Körper kann Nitrat Giftstoffe entwickeln, die für Säuglinge besonders gefährlich ist. Zudem können potenziell krebserregende Nitrosamine entstehen. Ist Nitrat erst einmal ins Grundwasser gesickert, lässt es sich nur mit viel Aufwand entfernen.
Problem Ewigkeitschemikalien
Kaum haben sie einen Weg gefunden, um einen bestimmten Schadstoff zu entfernen, rückt schon der nächste in den Mittelpunkt
Ein weiteres Problem: PFAS (Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen). Die langlebigen Industriechemikalien stecken in Produkten wie Pfannen, Outdoorbekleidung oder Löschschaum sind gesundheitsschädlich. Weil sie Böden, Grund- und Trinkwasser über Jahrzehnte belasten, gelten sie als „Ewigkeitschemikalien“. Die Industrie bringt immer neue Formen hervor, was ein riesiges Problem für die Wasserversorger ist. „Kaum haben sie einen Weg gefunden, um einen bestimmten Schadstoff zu entfernen, rückt schon der nächste in den Mittelpunkt“, sagt Frank Sacher.
Von den mehr als 10.000 bekannten PFAS sind für Trinkwasser zum Glück nur wenige relevant. Sie lassen sich in Wasserwerken in der Regel durch den Einsatz von Aktivkohle und anderen Verfahren entfernen – allerdings zu hohen Kosten. In Rastatt beispielsweise verteuerte sich die Aufbereitung des Trinkwassers durch PFAS um 17 Prozent. Ähnliche Probleme treten in immer mehr Regionen Deutschlands auf. Im Februar 2026 wurde bekannt, dass auch 31 Brunnen am NATO-Flugplatz Hohn in Schleswig-Holstein mit PFAS belastet sind.
Streitpunkt Mikroplastik
Weniger Probleme fürs Trinkwasser sieht Fachmann Sacher beim Mikroplastik. „Dabei handelt es sich vor allem um ein Umweltproblem.“ Im Vergleich zu anderen Quellen sei die Aufnahme von Mikroplastik verschwindend gering. Studien zeigten, dass Menschen hauptsächlich über Luft und Ernährung Mikroplastik aufnehmen. Die Debatte um Mikroplastik hält Sacher dennoch für wichtig, weil sie dazu beitrage, den Kunststoffverbrauch insgesamt zu reduzieren und weniger Plastik in die Umwelt gelangen zu lassen.
Auch bei der Netze BW Wasser endet die Suche nach Schadstoffen nie. „Bislang gibt es keinerlei Anhaltspunkte für eine Belastung unseres Trinkwassers“, betont Laborleiter Schneider. Dass er das mit solcher Gewissheit sagen kann, ist das Ergebnis einer akribischen Laborarbeit, die kaum jemand bemerkt. Das gilt auch für die Wassertechnik am Hochbehälter Hasenberg. Als sich die dicken Türen schließen, bleibt eine beruhigende Erkenntnis: Solange die Trinkwasserversorgung unsichtbar und geräuschlos funktioniert, ist alles in Ordnung.