Für viele gehört die Geräuschkulisse eines Autos zum Fahrerlebnis dazu. Beim E-Auto fällt dieser Teil weg: Statt Motorenlärm begleitet uns während der Fahrt vor allem … Ruhe. Und trotzdem fehlt der Spaß nicht. Wir gehen der Frage nach, wie sich diese andere Art des Fahrens tatsächlich anfühlt.
Stromer kommen schneller auf Tempo
Stellen Sie sich vor: Sie stehen mit Ihrem neuen E-Auto an einer Kreuzung. Die Ampel springt auf Grün. Sie bewegen das Strom- oder Fahrpedal nur leicht und der Wagen setzt sich direkt und gleichmäßig in Bewegung. Diese unmittelbare Beschleunigung gehört für viele zu den besonderen Erfahrungen beim Fahren eines E-Autos. In der frühen Stromer-Community bekam das Gefühl sogar einen eigenen Namen: das „Tesla-Grinsen“.
Noch deutlicher wird der Unterschied beim Überholen auf der Landstraße. Sie fahren hinter einem Lkw, setzen den Blinker und schauen kurz, ob die Strecke frei ist. Statt erst einen Gang herunterzuschalten, legt das E-Auto sofort los. Der Wagen beschleunigt direkt und gleichmäßig und der Überholvorgang funktioniert problemlos.
Auch auf der Autobahn zeigt sich dieses Phänomen. Sie fahren mit 80 km/h auf dem Beschleunigungsstreichen, die nächste Lücke kommt, und wieder reicht ein kurzer Druck aufs Pedal aus, damit das Auto Fahrt aufnimmt.
Das Geheimnis steckt im Elektromotor. Anders als ein Verbrenner liefert er sein Drehmoment – die Kraft, mit der der E-Motor die Räder antreibt – praktisch aus dem Stand. Bei Verbrennern muss der Motor diese Kraft erst über seine Drehzahl aufbauen. Daher ist das Herunterschalten zum Beispiel vor einem Überholvorgang nötig. Die meisten E-Autos kommen ohne klassisches Mehrganggetriebe aus.
Dafür braucht es nicht einmal ein Hochleistungsmodell. Ein gutes Beispiel dafür ist der Volkswagen ID.3: Je nach Version stehen bis zu 310 Newtonmeter (Nm) Drehmoment bereit. Der ID.3 Pro beschleunigt damit in 7,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Deutlich mehr Power liefert der BMW i4 M60 xDrive: Er stellt 795 Newtonmeter (Nm) Drehmoment bereit und beschleunigt in 3,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h – Werte, die in der Vor-Stromer-Zeit vielleicht ein Ferrari erreichte, aber kein Mittelklasse-Pkw.
Viele Modelle bieten außerdem verschiedene Fahrmodi. Im Eco-Modus geht es etwas entspannter zu. Die Leistung wird sanfter abgegeben, kleine Bewegungen am Fahrpedal führen zu einer ruhigeren Beschleunigung. Das sorgt für einen niedrigeren Stromverbrauch.
Im Sportmodus reicht schon ein kleinerer Druck auf das Pedal aus, damit der Elektromotor kräftiger reagiert und der Schub schneller einsetzt. Wer die zusätzliche Leistung häufig nutzt, muss aber auch mit einem höheren Verbrauch und einer geringeren Reichweite rechnen.

Ein kurzer Druck aufs Fahrpedal – und schon ist der Schub da. Selbst kompakte Stromer wie der ID.3 bieten jede Menge Fahrspaß.
Mit einem Pedal beschleunigen und bremsen
Die erste Fahrt mit einem E-Auto zeigt oft ein weiteres ungewohntes Phänomen: Sie nehmen den Fuß vom Fahrpedal – und das Auto wird langsamer. Und zwar sofort. Obwohl Sie das Bremspedal gar nicht berührt haben. Man spricht auch vom sogenannten „One-Pedal-Driving“.
Dahinter steckt die sogenannte Rekuperation, bei der das Fahrzeug den Elektromotor als Generator nutzt. Die Bewegungsenergie, die beim Bremsen normalerweise als Wärme verloren geht, wird in elektrische Energie umgewandelt und zurück in den Akku gespeist. Dies verlangsamt das Fahrzeug. Beim Verbrenner würde der Wagen in dieser Situation meistens einfach weiterrollen.
Gerade im Stadtverkehr empfinden viele Fahrer*innen das Fahren mit Rekuperation als sehr angenehm. An einer Kreuzung oder vor einem Kreisverkehr reicht häufig ein gezieltes Loslassen des Fahrpedals, um die Geschwindigkeit zu reduzieren. Viele E-Autos lassen sich dadurch sehr fein steuern.
Wie zügig das Auto abbremst, lässt sich oft einstellen. Bei MINI lässt sich zum Beispiel über einen Schalter zwischen hoher und niedriger Rekuperation wechseln. Bei den Modellen von Kia und Hyundai können Sie die Rekuperationsstärke über Schaltwippen am Lenkrad verändern.
Einen kleinen Gewöhnungseffekt sollte man aber nicht unterschätzen: Wer lange elektrisch fährt, muss sich manchmal daran erinnern, von Zeit zu Zeit die Bremsen bewusst zu betätigen. Das hält alle Komponenten in Bewegung und sie werden nicht durch längere Standzeiten oder Feuchtigkeit beeinträchtigt. Rostige Bremsscheiben sind nämlich eines der Hauptprobleme, warum E-Autos beim TÜV Schwierigkeiten bekommen.

Gas geben, Tempo rausnehmen, wieder beschleunigen: Beim One-Pedal-Driving läuft erstaunlich viel allein über das rechte Fahrpedal.
Kaum Geräusche während der Fahrt
Noch eine Besonderheit von Stromern: Sie drücken das Fahrpedal, der Wagen setzt sich in Bewegung und beschleunigt – aber die typische Geräuschkulisse, die viele vom Verbrenner kennen, fehlt. Kein Hochdrehen des Motors, kein Abfallen nach dem Schalten.
Beim E-Auto sieht das anders aus. Das Fahrzeug gewinnt an Geschwindigkeit, während die Lautstärke im Innenraum vergleichsweise konstant bleibt. Gerade bei niedrigen Geschwindigkeiten fällt dieser Unterschied auf: Egal ob Sie bei eher niedrigem Tempo auf einer Seitenstraße unterwegs sind, in der Stadt auf 50 km/h beschleunigen oder auf der Autobahn unterwegs sind: dem Gespräch auf der Rückbank können Sie in der Regel problemlos folgen.
Komplett geräuschlos fährt ein E-Auto natürlich nicht. Da das vertraute Motorgeräusch fehlt, rücken andere Geräusche stärker in den Vordergrund: das Abrollen der Reifen auf dem Asphalt, der Fahrtwind oder das leise Surren des Elektromotors.
Hersteller versuchen durch das sogenannte „Akustik-Design“ die verbleibenden Geräusche und Schwingungen möglichst gezielt zu reduzieren. Beim Mercedes EQS werden beispielsweise die elektrischen Antriebseinheiten entkoppelt und verschiedene Bereiche des Fahrzeugs gegen Schwingungen gedämmt.
Aber: Bei niedrigen Geschwindigkeiten dürfen E-Autos nicht völlig lautlos unterwegs sein. Das bereits seit einigen Jahren gesetzlich vorgeschriebene Acoustic Vehicle Alerting System (AVAS) erzeugt deshalb ein künstliches Fahrgeräusch, damit Fußgänger*innen und andere Verkehrsteilnehmer*innen das Fahrzeug besser wahrnehmen können.

Kein Hochdrehen des Motors, kein Abfallen nach dem Schalten: In E-Autos fehlt der typische Lärm eines Verbrenners.
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Ruhiges Fahrverhalten dank niedrigen Schwerpunkt
E-Autos sind häufig schwerer als vergleichbare Verbrenner. Die Batterie bringt je nach Fahrzeuggröße etwa 250 bis 700 Kilogramm auf die Waage und macht damit einen beträchtlichen Teil des Fahrzeuggewichts aus. Doch genau diese Masse sitzt an einer Stelle, die das Fahrverhalten entscheidend beeinflusst. Und zwar zum Positiven.
Bei vielen E-Autos liegt der Akku flach im Fahrzeugboden zwischen den Achsen. Die schwerste Komponente des Fahrzeugs befindet sich damit an einer tiefen und zentralen Stelle. Dadurch sinkt der Schwerpunkt des Fahrzeugs, der Effekt: das Auto ist bei Bewegungen ruhiger.
Das merkt man besonders in Kurven. Sie lenken ein, und obwohl ein E-Auto viel Gewicht bewegt, bleibt der Stromer insgesamt stabil. Das Fahrzeug wirkt weniger „kopflastig“ als vergleichbare Verbrenner mit Frontantrieb, und folgt kontrolliert der Lenkbewegung. Gerade bei Elektro-SUVs macht sich das bemerkbar, die Fahrzeuge wirken ausgewogener und leichtgängiger als ihre Verbrenner-Pendants.
Bei schweren E-Autos zeigt sich noch ein weiterer Vorteil des elektrischen Antriebs: Die Kraft lässt sich sehr präzise verteilen. Bei Modellen mit zwei Elektromotoren sitzt jeweils ein Motor an Vorder- und Hinterachse. Die Elektronik kann die Leistung beider Motoren in sehr kurzer Zeit anpassen und die Kraft dorthin schicken, wo sie gerade gebraucht wird.
Stromer mit Allradantrieb nutzen dieses Prinzip geschickt aus: Das Auto kann die verfügbare Leistung besser auf die Straße bringen, ohne dass einzelne Räder unnötig viel Kraft übertragen. Beim Anfahren auf nasser Straße oder beim Herausbeschleunigen aus einer Kurve merkt man den Unterschied relativ schnell.
Fazit: Einfach ein anderes Fahrgefühl
Die ersten Kilometer in einem E-Auto sind voller kleiner Aha-Momente. Die grundsätzliche Bedienung kennt man natürlich von Verbrennern mit Automatik: einsteigen, Fahrstufe wählen, losfahren. Doch sobald sich das Auto in Bewegung setzt, verändert sich vieles.
Ein kurzer Druck aufs Fahrpedal genügt, und die Kraft ist unmittelbar da. Beim Einfädeln, Überholen oder Anfahren an der Ampel merkt man gleich, wie direkt der Elektromotor reagiert.
Auch beim Bremsen muss man sich zunächst etwas umstellen. Nimmt man den Fuß vom Pedal, kann die Rekuperation das Fahrzeug verlangsamen und gleichzeitig Energie zurück in den Akku führen.
Was anfangs ungewohnt wirkt, wird oft schon nach wenigen Kilometern zur neuen Routine. Der Fuß findet seinen eigenen Rhythmus am Fahrpedal, die Abläufe werden vertraut und aus dem neuen Fahrgefühl wird ein selbstverständlicher Teil des Alltags. So zeigt sich schnell: Der Umstieg aufs E-Auto ist Hürde. Vieles ist vertraut, manches fühlt sich neu an und genau darin liegt der Reiz.

