Das Wichtigste in Kürze
  • Die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung soll neue flexible, wasserstofffähige Kraftwerke schaffen, um schwankende erneuerbare Energien abzusichern.
  • Mit dem StromVKG (Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz) werden zunächst 11 Gigawatt neue steuerbare Kapazitäten ausgeschrieben. Davon entfallen 9 Gigawatt auf neue Langfristkapazitäten mit besonderen Anforderungen an die Bereitstellungsdauer. Der neue, sich an die Kraftwerksstrategie anschließende Kapazitätsmechanismus soll sicherstellen, dass im Jahr 2031 ausreichend gesicherte Leistung zur Verfügung steht. Weitere Ausschreibungen folgen 2027 und 2029.
  • Neue Gaskraftwerke werden besonders im Süden Deutschlands benötigt, um Netzengpässe zu reduzieren und den Kohleausstieg abzusichern.
  • Die EnBW investiert bereits in mehrere wasserstofffähige Kraftwerke in Baden-Württemberg.
Inhalt

Was ist die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung?

Die Kraftwerksstrategie soll die Dekarbonisierung des Energiesektors vorantreiben. Sie setzt Anreize für den Neubau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken und anderer Technologien zur steuerbaren Erzeugung. Sie sollen immer dann einspringen, wenn die Erneuerbaren Energien nicht ausreichend Strom liefern können oder das Stromnetz stabilisiert werden muss.

Die Eckpunkte im Überblick

Mit dem StromVKG hat die Bundesregierung den gesetzlichen Rahmen für neue steuerbare Kapazitäten geschaffen. Erste Ausschreibungen sollen noch 2026 starten und den Aufbau gesicherter Leistung bis zum Jahr 2031 absichern.

  • Zunächst werden 11 Gigawatt neue steuerbare Kapazitäten ausgeschrieben. Für 9 Gigawatt gelten besondere Anforderungen an die Langzeitverfügbarkeit. Diese Anlagen müssen Strom über längere Zeiträume bereitstellen können und spätestens ab 2031 für 15 Jahre zur Versorgungssicherheit beitragen.
  • Ein weiteres Segment von zwei Gigawatt wird technologieoffen ausgeschrieben. Neben herkömmlichen Kraftwerken könnten das zum Beispiel Speicher oder Anlagen zum Lastmanagement sein.
  • Weitere Ausschreibungen sind für 2027 und 2029 geplant. Diese sind ebenfalls technologieoffen – daran teilnehmen können alle Anlagen, die flexibel Kapazität bereitstellen können. Auch Bestandsanlagen bzw. Kapazitäten aus dem Ausland.

Um den Umstieg auf Wasserstoff zu beschleunigen, schafft der Staat zusätzliche Anreize in Form weiterer Ausschreibungen – zwei Gigawatt Leistung bis 2040 und weitere zwei Gigawatt bis 2043. Für alle Kraftwerke gilt, dass sie bis spätestens 2045 vollständig dekarbonisiert sein müssen.

Was ist das StromVKG?

Das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz (StromVKG) schafft den Übergang zu einem Kapazitätsmechanismus. Ziel ist es, ausreichend steuerbare Kraftwerksleistung bereitzustellen, damit die Stromversorgung auch bei wenig Wind und Sonne gesichert bleibt. Dafür werden neue Kapazitäten ausgeschrieben und für ihre Vorhaltung vergütet. Das Gesetz unterstützt den Ausbau erneuerbarer Energien und den Kohleausstieg. (Quelle: bundesregierung.de; bundeswirtschaftsministerium.de)

Was ist der Kapazitätsmarkt und wie funktioniert er?

Der Kapazitätsmarkt soll die Versorgungssicherheit bald auch in Deutschland gewährleisten. (Bild: European Energy Exchange).

Der Kapazitätsmarkt ist ein Mechanismus am Strommarkt, der die Versorgungssicherheit gewährleisten soll. Diesen Mechanismus gibt es bereits in einigen europäischen Ländern. Nun soll er auch in Deutschland eingeführt werden. Grundprinzip ist, dass Betreiber eine Vergütung für die Bereitstellung von Kraftwerksleistung – also Kapazität, die im Bedarfsfall abgerufen werden kann, erhalten. Geregelt wird das über Ausschreibungen. Mit dem StromVKG wurde die Einführung eines Kapazitätsmarktes gesetzlich konkretisiert. Betreiber erhalten künftig nicht nur Erlöse aus dem Stromverkauf, sondern auch Vergütungen für die verlässliche Bereitstellung von Leistung. Über Ausschreibungen werden neue und bestehende Kapazitäten verpflichtet, in Zeiten hoher Stromnachfrage oder geringer erneuerbarer Erzeugung verfügbar zu sein. Das schafft Investitionssicherheit für neue flexible Kraftwerke, Speicher und andere steuerbare Technologien.

Warum es den Kapazitätsmarkt braucht

Bisher finanzieren sich Erzeugungsanlagen vor allem über den Strompreis, den sie an der Börse erzielen. Stark vereinfacht könnte man sagen: je mehr sie laufen, desto wirtschaftlicher sind sie. Kraftwerke, die nur bei Bedarf eingesetzt werden, laufen seltener bei gleichbleibenden Kosten für Wartung und Instandhaltung. Mit dem Kapazitätsmarkt wird eine andere Form des finanziellen Ausgleichs geschaffen.

Warum brauchen wir neue wasserstofffähige Gaskraftwerke?

Gaskraftwerke eignen sich als "Back-up"-Systeme zum Ausgleich der schwankenden Erzeugungsleistung erneuerbarer Energien. (Bild: EnBW)

Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, dass im Jahr 2030 mindestens 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien stammt – vor allem aus Windkraft- und Solaranlagen. Das Problem: Die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt je nach Wetterlage stark. Außerdem stehen die großen Windparks in Norddeutschland, die Industrieregionen des netztechnischen Südens benötigen aber besonders viel Strom, der aufgrund von Netzengpässen dort (noch) nicht immer in ausreichender Menge ankommt.

Damit die Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt, braucht es ein flexibles „Back-up“-System – also Kraftwerke, die immer dann einspringen, wenn sie gebraucht werden. Gaskraftwerke eignen sich dafür am besten: sie stoßen nur halb so viel CO₂ aus wie Kohle und lassen sich später auf Wasserstoff umstellen (Fuel Switch).

Investitionen in wasserstofffähige Gaskraftwerke sind für die weitere Dekarbonisierung des Stromsektors von großer Bedeutung, da in den kommenden Jahren weitere Kohlekraftwerke marktbedingt zur Stilllegung angemeldet werden dürften. Gesetzlich ist geregelt, dass der Kohleausstieg bis spätestens 2038 umgesetzt sein muss.

Wo entstehen die neuen Kraftwerke?

Konkrete Standorte stehen noch nicht fest. Das StromVKG ermöglicht eine regionale Steuerung der Ausschreibungen. Ziel ist es, neue steuerbare Leistung insbesondere dort anzusiedeln, wo sie netzdienlich ist und zur Versorgungssicherheit besonders beiträgt. Damit bleibt Süddeutschland ein Schwerpunkt für den Zubau neuer Kraftwerkskapazitäten. Hier werden zwei Drittel der neuen Kapazitäten entstehen. Die neuen Gaskraftwerke sollen vorwiegend an sogenannten systemdienlichen Standorten entstehen, also dort, wo aktuell viele Eingriffe zur Stabilisierung der Stromnetze für Mehrkosten im System sorgen. Die Bundesregierung hat angekündigt, dass sie überwiegend im netztechnischen Süden Deutschlands zugebaut werden sollen, da hier der Bedarf an disponibler, also flexibel zur Verfügung stehender Leistung, am größten ist.

Kraftwerksprojekte der EnBW: wo heute schon investiert wird

Anlieferung der neuen Gasturbine am EnBW-Standort Altbach/Deizisau im Jahr 2024 (Bild: EnBW)

Die EnBW hat auf Basis des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes in den letzten Jahren bereits in H2-ready-Gaskraftwerke investiert. Drei sogenannte Fuel Switch Projekte sind an den Standorten Stuttgart-Münster, Altbach/Deizisau und Heilbronn in der Umsetzung. Das neue Kraftwerk in Stuttgart-Münster ist bereits in Betrieb. Alle drei neuen Kraftwerke lassen sich von Erdgas auf Wasserstoff umstellen. Knapp ein Viertel der in Baden-Württemberg benötigten neuen regelbaren Kraftwerkskapazitäten sind damit gedeckt. Insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro investiert die EnBW bislang in den Umbau.

Welche Reaktionen gibt es auf die Kraftwerksstrategie?

Mit dem StromVKG hat die Bundesregierung einen ersten wichtigen Schritt für Versorgungssicherheit, Kohleausstieg und die Integration erneuerbarer Energien unternommen. Nun gilt es, den Kapazitätsmechanismus zügig auszugestalten. EnBW wird sich daher aktiv in den Prozess zur Konzeptionierung des Kapazitätsmechanismus einbringen. (Quelle: bundesregierung.de; bundeswirtschaftsministerium.de)

Kritikpunkte an der Kraftwerksstrategie

Bemängelt wird zum Beispiel das unzureichende Volumen. Auch nach Verabschiedung des StromVKG wird diskutiert, ob das vorgesehene Ausschreibungsvolumen ausreichend ist. Branchenvertreter weisen darauf hin, dass der tatsächliche Bedarf an gesicherter Leistung mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien und dem Kohleausstieg weiter steigen könnte.

Zudem ist der genaue Umfang der durch Kraftwerksstrategie und Kapazitätsmechanismus angereizten Investitionen noch nicht bezifferbar: denn nur die ersten zehn Gigawatt an neuen Kapazitäten enthalten ein Langfristkriterium, was bedeutet, dass Anlagen Leistung länger als zehn Stunden bereitstellen können müssen. Die anderen Ausschreibungen sind technologieoffen und beziehen auch Bestandsanlagen ein. Damit ist momentan nicht absehbar, wie viel Leistung an neuen Gaskraftwerken entstehen werden.

Ohne neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke in Süddeutschland würden die dortigen Kohlekraftwerke in die Netzreserve „rutschen“ und ein dauerhafter und ineffizienter Weiterbetrieb wäre die Folge.