Sonntagmorgen im Mai 2025 auf hoher See: Ein schwimmender Gigant namens Pioneering Spirit hält Position über den Wellen der Nordsee. An Bord des Spezialschiffs thront ein gewaltiges gelbes Stahlbauwerk – so hoch wie ein 16-stöckiges Gebäude und mit mehr als 12.000 Tonnen schwerer als der Pariser Eiffelturm. Langsam senken mächtige Kräne das Konstrukt auf ein Fundament, das zuvor im Meeresboden verankert wurde. Der Übertragungsnetzbetreiber TenneT installiert die neue Konverter-Plattform für den Anschluss des EnBW Offshore-Windparks He Dreiht, dem aktuell größten Offshore-Windpark Deutschlands.
Die Konverter-Plattform mit dem Namen BorWin epsilon bündelt künftig den Strom der 64 Windkraftanlagen und wandelt ihn für den effizienten Transport ans Festland in Gleichstrom um. Von der Plattform aus fließt die Energie zunächst gut 120 Kilometer per Seekabel zur Küste und dann weitere rund 110 Kilometer als Erdkabel bis zur Konverter-Station an Land. Dort wird der Strom zurück in Dreh- bzw. Wechselstrom umgewandelt und ins Stromnetz eingespeist. Ab Frühsommer 2026 kann der 85 Kilometer vor Borkum gelegene Windpark Strom für rein rechnerisch 1,1 Millionen Haushalte liefern.
Ein Unterwasser-Roboter verlegt 100 Kilometer Kabel
Bevor der Strom die Konverter-Plattform erreicht, wird er im Windpark eingesammelt: Die geplanten Windkraftanlagen – jedes einzelne verfügt über eine Leistung von 15 Megawatt und produzieren Dreh- bzw. Wechselstrom. Über ein Netzwerk aus Seekabeln sind alle miteinander verbunden. Diese interne Parkverkabelung verläuft auf dem Meeresgrund. Rund 100 Kilometer dieser dicken aus Aluminium gefertigten Seekabel wurden innerhalb des Offshore-Windparks verlegt. Sie arbeiten auf einer Spannung von 66.000 Volt (66 kV) – das entspricht fast dem 300-fachen der Spannung einer normalen Haushaltssteckdose. Allein das interne Parknetz bringt mit fast 3.200 Tonnen mehr als fünf große Passagierflugzeuge auf die Waage.
Das Spezialschiff „Seaway Aimery“ spulte die Leitungen von gewaltigen Trommeln ab, während die Besatzung einen Unterwasserroboter dirigierte. „Dieser Roboter wird ferngesteuert und bewegt sich mit Raupenketten über den Meeresgrund. Dort spült er einen schmalen Graben, legt das knapp 20 Zentimeter dicke Kabel hinein, bevor sich der verflüssigte Sand wieder verfestigt“, erklärt Markus Thieme, der für die EnBW die interne Parkverkabelung verantwortet. „So sind die Leitungen vor Ankern, Netzen und Strömungen geschützt.“
Die Routen für die Kabel wurden unter Wasser vermessen und Hindernisse wie andere Untersee-Leitungen oder Wracks mussten umschifft werden. Jede Kabelverbindung endet am Fundament einer künftigen Windkraftanlage: „Dort ziehen Techniker*innen die Leitungen ins Innere des stählernen Turms und schließen sie an. So kann der erzeugte Strom aus jeder neu installierten Turbine in das Netzwerk des Windparks fließen“, erklärt Thieme.
Die Konverter-Plattform macht den Strom transportierbar
Auf der Konverter-Plattform „BorWin epsilon“ des Übertragungsnetzbetreibers TenneT laufen alle parkinternen Leitungen zusammen – ohne diese Offshore-Schaltzentrale käme zu wenig von dem erzeugten Strom an Land an. Die Entfernung des Windparks zur Küste ist zu groß, um verlustarm Dreh- bzw. Wechselstrom zu übertragen. Deshalb wird der Strom von He Dreiht bereits auf See in Hochspannungs-Gleichstrom umgewandelt. So lässt er sich über weite Entfernungen nahezu verlustfrei transportieren. Bei Wechselstrom würde in diesem Fall viel Energie als Wärme verpuffen.
Wie geht die Reise des Windstroms an Land weiter?
An der Küste von Hilgenriedersiel taucht das Hochspannungs-Gleichstromkabel, das von der Konverter-Plattform BorWin epsilon startet, wieder auf. Von dort verläuft es an Land, gut anderthalb Meter tief eingegraben, nochmals 110 Kilometer quer durch Ostfriesland und das Oldenburger Münsterland bis zur neu errichteten Konverter-Station Garrel/Ost bei Cloppenburg. Dort endet die Gleichstromreise: Leistungsstarke Stromrichter wandeln die Energie in 380-Kilovolt-Wechselstrom mit der üblichen Netzfrequenz von 50 Hertz um.
He Dreiht: So kommt der Strom vom Meer ins Land
Anschließend führt ein kurzes Stück Hochspannungsleitung den Strom in eine vorhandene Schaltanlage. Mission erfüllt: Die Energie aus der Nordsee kann im Frühsommer 2026, wenn der Park vollständig in Betrieb geht, beispielsweise in Baden-Württembergischen Haushalten aus der Steckdose kommen. Über die Hälfte des künftig erzeugten Stroms von He Dreiht haben sich außerdem zahlreiche Industrie- und Dienstleistungsunternehmen über Power Purchase Agreements (PPAs) gesichert – langfristige Direktlieferverträge mit festem Preis.