Was ist die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung?
Die Kraftwerksstrategie soll die Dekarbonisierung des Energiesektors vorantreiben. Sie setzt Anreize für den Neubau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken und anderer Technologien zur steuerbaren Erzeugung. Sie sollen immer dann einspringen, wenn die Erneuerbaren Energien nicht ausreichend Strom liefern können oder das Stromnetz stabilisiert werden muss. Auch die Umrüstung bestehender Kraftwerke auf den Wasserstoffbetrieb ist Teil des Paketes.
Die Eckpunkte im Überblick
Im Sommer will die Bundesregierung das Gesetzgebungsverfahren für das dazugehörige Kraftwerkssicherungsgesetz abschließen und erste Ausschreibungen durchführen.
- Zunächst sollen neue, regelbare Kapazitäten mit einer Leistung von zehn Gigawatt ausgeschrieben werden. Diese Anlagen müssen in der Lage sein, Leistung länger als zehn Stunden zu erbringen. Dazu sind vor allem wasserstofffähige Gaskraftwerke in der Lage.
- Ein weiteres Segment von zwei Gigawatt wird technologieoffen ausgeschrieben. Neben herkömmlichen Kraftwerken könnten das zum Beispiel Speicher oder Anlagen zum Lastmanagement sein.
- Weitere Ausschreibungen sind für 2027 und 2029 geplant. Diese sind ebenfalls technologieoffen – daran teilnehmen können alle Anlagen, die flexibel Kapazität bereitstellen können. Auch Bestandsanlagen bzw. Kapazitäten aus dem Ausland.
Um den Umstieg auf Wasserstoff zu beschleunigen, schafft der Staat zusätzliche Anreize in Form weiterer Ausschreibungen – zwei Gigawatt Leistung bis 2040 und weitere zwei Gigawatt bis 2043. Für alle Kraftwerke gilt, dass sie bis spätestens 2045 vollständig dekarbonisiert sein müssen.
Was ist der Kapazitätsmarkt und wie funktioniert er?
Der Kapazitätsmarkt ist ein Mechanismus am Strommarkt, der die Versorgungssicherheit gewährleisten soll. Diesen Mechanismus gibt es bereits in einigen europäischen Ländern. Nun soll er auch in Deutschland eingeführt werden. Grundprinzip ist, dass Betreiber eine Vergütung für die Bereitstellung von Kraftwerksleistung – also Kapazität, die im Bedarfsfall abgerufen werden kann, erhalten. Geregelt wird das über Ausschreibungen. Die genaue Ausgestaltung ist noch in der Diskussion, allerdings soll ein umfassender und technologieoffener Kapazitätsmarkt die Bedarfe zur Sicherung der Stromversorgung ab 2032 abdecken. Ein Konzept will die Bundesregierung bis 2027 vorlegen.
Warum es den Kapazitätsmarkt braucht
Bisher finanzieren sich Erzeugungsanlagen vor allem über den Strompreis, den sie an der Börse erzielen. Stark vereinfacht könnte man sagen: je mehr sie laufen, desto wirtschaftlicher sind sie. Kraftwerke, die nur bei Bedarf eingesetzt werden, laufen seltener bei gleichbleibenden Kosten für Wartung und Instandhaltung. Mit dem Kapazitätsmarkt wird eine andere Form des finanziellen Ausgleichs geschaffen.
Warum brauchen wir neue Gaskraftwerke?
Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, dass im Jahr 2030 mindestens 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien stammt – vor allem aus Windkraft- und Solaranlagen. Das Problem: Die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt je nach Wetterlage stark. Außerdem stehen die großen Windparks in Norddeutschland, die Industrieregionen des netztechnischen Südens benötigen aber besonders viel Strom, der aufgrund von Netzengpässen dort (noch) nicht immer in ausreichender Menge ankommt.
Damit die Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt, braucht es ein flexibles „Back-up“-System – also Kraftwerke, die immer dann einspringen, wenn sie gebraucht werden. Gaskraftwerke eignen sich dafür am besten: sie stoßen nur halb so viel CO₂ aus wie Kohle und lassen sich später auf Wasserstoff umstellen (Fuel Switch).
Investitionen in wasserstofffähige Gaskraftwerke sind für die weitere Dekarbonisierung des Stromsektors von großer Bedeutung, da in den kommenden Jahren weitere Kohlekraftwerke marktbedingt zur Stilllegung angemeldet werden dürften. Gesetzlich ist geregelt, dass der Kohleausstieg bis spätestens 2038 umgesetzt sein muss.
Wo entstehen die neuen Kraftwerke?
Konkrete Standorte stehen noch nicht fest. Die neuen Gaskraftwerke sollen vorwiegend an sogenannten systemdienlichen Standorten entstehen, also dort, wo aktuell viele Eingriffe zur Stabilisierung der Stromnetze für Mehrkosten im System sorgen. Die Bundesregierung hat angekündigt, dass sie überwiegend im netztechnischen Süden Deutschlands zugebaut werden sollen, da hier der Bedarf an disponibler, also flexibel zur Verfügung stehender Leistung, am größten ist.
Die Wirksamkeit der entsprechenden Regelung hängt nun an der konkreten Ausgestaltung. Die Vergabe von zehn Gigawatt Kraftwerksleistung aus der ersten Ausschreibung im Jahr 2026 soll regional gesteuert werden, also den besonderen Bedarf in Süddeutschland berücksichtigen.
Kraftwerksprojekte der EnBW: wo heute schon investiert wird
Die EnBW hat auf Basis des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes in den letzten Jahren bereits in wasserstofffähige Gaskraftwerke investiert. Drei sogenannte Fuel Switch Projekte sind an den Standorten Stuttgart-Münster, Altbach/Deizisau und Heilbronn in der Umsetzung. Das neue Kraftwerk in Stuttgart-Münster ist bereits in Betrieb. in Alle drei neuen Kraftwerke lassen sich von Erdgas auf Wasserstoff umstellen. Knapp ein Viertel der in Baden-Württemberg benötigten neuen regelbaren Kraftwerkskapazitäten sind damit gedeckt. Insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro investiert die EnBW bislang in den Umbau.
Welche Reaktionen gibt es auf die Kraftwerksstrategie?
Die Einigung der Bundesregierung mit der EU-Kommission auf die Grundzüge der Kraftwerksstrategie wurde von vielen Unternehmen der Branche begrüßt, da Investitionen dringend benötigt werden. Gleichzeitig merkten Branchenvertreter an, dass noch viele Fragen unbeantwortet sind. „Den Durchbruch bei der Kraftwerksstrategie begrüßen wir”, sagte EnBW-Chef Georg Stamatelopoulos in einer ersten Stellungnahme. Es sei wichtig, dass das Gesetzgebungsverfahren nun auch zügig starte und weitere wichtige Detailregelungen, wie etwa zur notwendigen regionalen Steuerung des Zubaus, veröffentlicht würden. Denn in der Regel dauert der Bau eines neues Kraftwerks je nach Projektreife etwa sechs bis acht Jahre.
Kritikpunkte an der Kraftwerksstrategie
Bemängelt wird zum Beispiel das unzureichende Volumen. Expert*innen beziffern den Bedarf an neuer gesicherter Leistung auf etwa 20 Gigawatt bis 2030. Es sollen aber nur insgesamt zwölf Gigawatt an neuer Kraftwerksleistung ausgeschrieben werden.
Zudem ist der genaue Umfang der durch Kraftwerksstrategie und Kapazitätsmarkt angereizten Investitionen noch nicht bezifferbar: denn nur die ersten zehn Gigawatt an neuen Kapazitäten enthalten ein Langfristkriterium, was bedeutet, dass Anlagen Leistung länger als zehn Stunden bereitstellen können müssen. Die anderen Ausschreibungen sind technologieoffen und beziehen auch Bestandsanlagen ein. Damit ist momentan nicht absehbar, wie viel Leistung an neuen Gaskraftwerken entstehen werden.
Ohne neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke in Süddeutschland würden die dortigen Kohlekraftwerke in die Netzreserve „rutschen“ und ein dauerhafter und ineffizienter Weiterbetrieb wäre die Folge.