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Hören Sie sich das komplette Interview hier an:

Inhaltsübersicht:
0:45: Windkraftanlagen und schöne Landschaften: wie passt das zusammen?
4:55: Gibt es vom Menschen unberührte Naturlandschaften überhaupt noch?
7:45: Was sind die Voraussetzungen, damit Windkraftanlagen als nicht störend akzeptiert werden?
11:30: Nach welchen Kriterien sollte über Standorte für Windkraftanlagen entschieden werden?
18:19: Haben Windparks vielleicht sogar das Zeug zum Fotomotiv, bzw. zur Sehenswürdigkeit?

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Robert Habeck, Bundeswirtschaftsminister, rechnet mit 1.500 neuen pro Jahr, und da ist er ausnahmsweise eher konservativ. Andere Berechnungen gehen von bis zu 2.000 neuen Windenergieanlagen jedes Jahr aus, die es in Deutschland brauchen wird, um die angestrebten Klimaziele zu erreichen. 30.000 Windkraftanlagen drehen sich aktuell bereits in unserem Land, also müssen bis 2030 mindestens halb so viele noch dazu, bis 2045 mindestens das Doppelte. Da drängt sich die Frage auf: Wo sollen die alle hin? Die bisherige Antwort lautet: Dahin, wo sie nicht stören; am besten dahin, wo man sie gar nicht sieht – also idealerweise in den Wald, aber zu weit über die Baumwipfel schauen dürfen sie nicht. Vielleicht noch irgendwo an die Autobahn, da ist es sowieso nicht schön, da richten ein paar Windräder keinen optischen Schaden an. Aber wird das funktionieren?

Alle Landschaften sind wichtig

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„Wir dürfen die Akzeptanz der Bevölkerung nicht verspielen“, sagt Landschaftsarchitekt Prof. Sören Schöbel-Rutschmann von der TU München (Fotograf: Olaf Tiedje)

Für den Landschaftsarchitekten Sören Schöbel-Rutschmann von der TU München lautet die Antwort ganz eindeutig: nein. Er forscht und publiziert seit Jahren zu den Themen Landschaftsästhetik und Windenergie und findet sehr wohl, dass diese beiden Konzepte zusammengehen. „Für mich sind erstmal alle Landschaften wichtig“, stellt er klar. „Wir haben in Deutschland die Angewohnheit, zu meinen, nur Bilderbuchlandschaften sind Landschaften. Alles andere sind ‚Gegenden‘.“ In offiziellen ministeriellen Papieren sei sogar teilweise von „nichtssagenden Gegenden“ die Rede. Bezeichnend auch, dass Deutschland als eines der wenigen westeuropäischen Länder nicht der Europäischen Landschaftskonvention des Europarates beigetreten ist. „Diese Konvention“, so Prof. Schöbel-Rutschmann, „sagt: Landschaft ist wichtig, und zwar überall – in schönen und in nicht bilderbuchmäßigen Landschaften.“

Die meisten von uns leben nicht in Bilderbuch­land­schaften

Dass es schöne Landschaften gibt und solche, in denen insbesondere in den letzten Jahrzehnten einiges schiefgelaufen ist, bestreitet auch der Professor nicht. Aber wir sollten uns Folgendes klarmachen: „Wir alle leben zu 90 % in ebendiesen ‚Gegenden‘, in diesen Alltagslandschaften“. Nun gebe es in Deutschland den Reflex zu sagen: Die meisten unserer Landschaften sind bereits gestört und verbraucht – das dürfen wir jetzt nicht auch noch mit unseren Bilderbuchlandschaften machen. Das führt dazu, dass wir Windkraftanlagen – wenn wir sie als ähnlich unästhetisch und störend qualifizieren wie Industrieanlagen – dorthin setzen müssen, wo sie die Landschaft vermeintlich nicht stören. Das bedeutet dann, wir bauen sie direkt vor unsere Haustür, in unsere Lebens- und Alltagsräume. „Das ist ein eklatanter Fehler“, so Schöbel-Rutschmann, und der Akzeptanz selbstredend abträglich.

In jeder Landschaft können wir Natur erleben

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Im baden-württembergischen Windenergie-Erlass heißt es unter anderem, man solle bei der Planung neuer Windenergieanlagen abwägen und insbesondere die Naturlandschaften berücksichtigen. Im Klartext heißt das, sie zu schonen und eben keine Windkraftanlagen in ihnen zu bauen. Naturlandschaften werden definiert als „vom menschlichen Einfluss unberührt gebliebene Landschaften“ – Landschaften, die wir laut Professor Schöbel-Rutschmann in ganz Baden-Württemberg, ja in ganz Deutschland kaum finden werden. „Aber wir haben in jeder Landschaft auch Natur, die wir erleben können; auch in der Landschaft, die durch Industrie oder Siedlungen oder intensive Landwirtschaft geprägt ist.“ Für Professor Schöbel-Rutschmann ist es grundlegend, dass die Zweiteilung zwischen naturnahem Schutzgebiet und allen anderen Räumen aufgehoben werden muss.

Das Zurückweichen der Artenvielfalt in die Naturschutzgebiete hat sich als nicht tragfähig herausgestellt. Das sehen wir jetzt an den katastrophalen Verhältnissen im Bereich der Insekten. Wir brauchen eine wirklich angereicherte Landschaft, und zwar überall.

Prof. Sören Schöbel-Rutschmann

Windkraft genießt hohe Zustimmung

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Beim Thema Standortwahl von Windkraftanlagen dominiere eine laute Minderheit die öffentliche Wahrnehmung. In Wirklichkeit, so Prof. Schöbel-Rutschmann, sei kaum ein gesamtgesellschaftliches Thema von so hoher Zustimmung getragen. In Umfragen wurde festgestellt, dass der Großteil der Bevölkerung sich von Windkraftanlagen nicht gestört fühlt – bei Einhaltung eines gewissen Abstandes auch nicht vor der eigenen Haustür. „Wir haben im Moment ein gesellschaftliches Projekt am Laufen, das eine ganz hohe Zustimmungsrate in der Bevölkerung hat. Das müssen wir positiv aufgreifen.“ Und wir dürften insbesondere die damit einhergehenden Erwartungen nicht enttäuschen. „Wir dürfen die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht verspielen, indem wir zum Beispiel bei der Standortwahl nur Privatinteresse umsetzen, statt dass wir das als öffentliches Projekt entwickeln. Dann kann diese große Zustimmung auch verloren gehen, und das wäre tatsächlich eine große Katastrophe.“ Laut der Umweltpsychologin Prof. Gundula Hübner, mit der Prof. Schöbel-Rutschmann des Öfteren zusammenarbeitet, dürfen sich die Menschen vor allem nicht ungerecht behandelt fühlen, damit ein Projekt akzeptiert wird. Das Verständnis geht demnach schnell verloren, wenn der Standort eines Windrads über die Köpfe der Bürger hinweg bestimmt wird.

Gerechte Standortwahl entscheidend für die Akzeptanz von Windkraftanlagen

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Das wichtigste Kriterium bei der Standortwahl ist also Gerechtigkeit. Das zeigte sich auch in einem Forschungsprojekt mit einer Bürger-Kerngruppe, die ein von Prof. Schöbel-Rutschmann begleitetes Energiekonzept für den gesamten Landkreis entwickelt hat. Heraus kam am Ende der Vorschlag: Alle 21 Gemeinden des Landkreises bekommen je eine Windenergieanlage, beziehungsweise je einen Standort. Die Experten hätten unter den Gesichtspunkten der Windhöffigkeit und des Sich-Einfügens in die gegebene Landschaft einen gemeinsamen Windpark vorgeschlagen. „Aber als Landschaftsarchitekt bin ich der Anwalt des Bauherrn – und der ist in dem Fall eben der Bürger, alle Menschen, die in der Gemeinde wohnen.“

Windhöffigkeit und Siedlungsabstand

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Windpark Langenburg

Direkt nach dem Faktor Gerechtigkeit wird aber laut Prof. Schöbel-Rutschmanns Erfahrung sofort die von den Bürgern berücksichtigt. „Ich habe schon viel mit Bürgern zusammengearbeitet, und die Leute sagen ganz klar, stellt doch die Anlagen dahin, wo der meiste Wind weht.“ Denn da machten Windräder ja auch Sinn, und Sinn stifte Akzeptanz.

Der dritte Punkt, der den Bürgern im genannten Projekt immens wichtig war, war der Siedlungsabstand. Dabei wurde unter Zuhilfenahme von Modellen und bereits bestehenden Windkraftanlagen ausprobiert, ab wann eine Anlage als bedrückend empfunden wird, ab wann als nah, und ab welchem Abstand sogar Weite geschaffen wird. Das Ergebnis wurde mithilfe der H-Logik angegeben. 2H bedeutet, dass das Windrad zweimal so weit wie es hoch ist vom nächsten bewohnten Gebäude entfernt steht. Die Bürger kamen dabei zu dem gleichen Schluss wie die Wissenschaftler, nämlich dass der ideale Abstand zu einem Windrad bei mindestens 3H, besser bei 4H liegt.

Gemeinsam festgelegte Regeln schaffen Akzeptanz

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Windpark Rot am See

Ganz wichtig ist es also generell, allgemeine Regeln gemeinsam aufzustellen, die dann in dem beschriebenen Fall lauteten: maximale Gerechtigkeit, ideale Windhöffigkeit und mindestens 3H, möglichst 4H.„Dann ist auch die Akzeptanz da“, so Professor Schöbel-Rutschmann. „Man versteht dann, dass man das Privileg an einem Ort zu leben, der Wind und Weite bietet, mit der Windkraftanlage teilen muss. Wenn man den Leuten aber sagt, das Windrad wird dort hin gebaut, weil da die Gemeindegrenze ist; oder weil Bauer XY da sein Land hat; dann verstehen das die Leute nicht.“

Wie groß die Akzeptanz von Windkraft in der Bevölkerung wirklich ist, zeigte sich auch in diesem Projekt. Denn zur Bürger-Kerngruppe gehörten viele jüngere Menschen. „Die haben nicht nur gesagt, wir haben nichts gegen Windräder, sondern wir finden die sogar schön.“

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