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Frau von Andrian, beim Thema Wohnen geht es immer öfter um Nachhaltigkeit. Wie wohnen wir eigentlich in Zukunft?

In jedem Fall möglichst CO₂-neutral, komfortabel und lebenswert. In einem schönen Umfeld, das sowohl private Rückzugsmöglichkeiten also auch soziale Teilhabe ermöglicht. Mit kurzen Wegen zur Arbeit, zu Freizeitangeboten, zu Bildungseinrichtungen, zu Ärzten und zu Nahversorgern für den täglichen Bedarf. Mit vielseitigen Mobilitätsangeboten für kurze und für lange Strecken und einer optimalen Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und die umliegenden Städte. Die Auflistung könnte ich jetzt weiter fortsetzen, aber vermutlich wird bereits jetzt deutlich: Wir müssen Wohnraum und insbesondere Quartiere ganzheitlich denken, wenn wir hier Nachhaltigkeitspotenziale ausschöpfen möchten.

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Was genau bedeutet das für die Quartiers­entwick­lung?

Stefanie von Andrian leitet bei der EnBW den Bereich Urbane Infrastruktur und ist unter anderem für das geplante Quartier „Der neue Stöckach“ in Stuttgart mitverantwortlich.

Wie bei einem Puzzle müssen viele Bereiche für zukunftsorientiertes Wohnen ineinandergreifen. Beispiel: Bringen wir Angebote für E-Mobilität in ein Quartier, sollte der benötigte Strom dafür möglichst aus erneuerbaren Energien stammen. Dann macht es Sinn, möglichst viel Ökostrom beispielsweise mit Photovoltaik direkt vor Ort zu erzeugen, zu speichern und intelligent zu verteilen – auch für die Nutzung in den Haushalten abends, wenn die Sonne nicht mehr scheint. Der Aspekt der Ganzheitlichkeit hört auch an der Grenze eines neuen Quartiers nicht auf. Mobilitätskonzepte etwa sind sinnvoll mit den bestehenden Angeboten der umliegenden Stadt zu verknüpfen. Wenn dies geschieht, können nachhaltig konzipierte Quartiere über ihre Grenzen hinaus Angebote erweitern und eine zukunftsorientierte, ganzheitliche Stadtentwicklung vorantreiben. Bei einem neuen Quartier haben wir die Möglichkeit, alle wichtigen Bereiche wie die Energieversorgung und die Mobilität von Anfang an nachhaltig zu gestalten. Ein nachhaltiges Quartier ist dann quasi die Keimzelle auf dem Weg zu CO₂-neutralen, umwelt- und ressourcenschonenden Lebensräumen. Es kann zeigen, wie wir zukünftig klimafreundlich leben können.

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In Solingen entwickelt die EnBW für das „Omega-Quartier“ ein Gesamtkonzept, das dort gleichzeitig der Startschuss für eine neue Idee in der Stadtentwicklung ist.

Genau. Hier entsteht ein modernes Quartier mit 439 Wohn- und Gewerbeeinheiten. Vom Bauunternehmen Kondor Wessels haben wir den Auftrag erhalten, ein modernes, CO₂-neutrales Quartierskonzept zu entwickeln. Zugleich helfen wir, gemeinsam mit den anderen Projektpartnern den sogenannten „Grünen Teppich“ in Solingen auszurollen. Der „Grüne Teppich“ ist eine große Vision der Stadt: Künftig sollen verschiedene Quartiere in Solingen darüber verbunden sein und bis in den Innenstadtbereich führen. Das Besondere dabei ist: Der „Grüne Teppich“ wird nur mit dem Fahrrad oder zu Fuß benutzbar sein. Diese Stadtvision beginnt mit dem „Omega-Quartier“, das wir derzeit planen.

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Wie will die EnBW dort CO₂-Neutralität erreichen?

Dazu gehören eine CO₂-neutrale Energieversorgung mit Solarenergie und Stromspeichern sowie ein Mobilitätskonzept mit klimaneutralen Verkehrsmitteln. So wird das Quartier über einen Mobilitätshub mit digitalem Parkraummanagement sowie über Angebote für Bike- und Car-Sharing verfügen. Hinzu kommen die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge und verschiedene Mobilitätsservices wie Service-Stationen für Fahrräder. Im Quartier selbst entstehen neun Gewerbeeinheiten und eine Kita. Das hält viele tägliche Wege kurz oder macht sie gar nicht erst notwendig – auch ein wichtiger Nachhaltigkeitsaspekt.

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Mit anderen Worten: Zu einem nachhaltigen Quartier gehören auch eine intelligente Infrastruktur und Versorgung.

Neue Quartiere vereinen in der Regel Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Angebote zur Nahversorgung. Das hält viele tägliche Wege kurz.

Auf jeden Fall. Und eine sinnvolle Vernetzung. Dafür ist auch ein Umdenken in der Stadtentwicklung notwendig: In den vergangenen Jahren haben Stadtplaner Wohn-, Gewerbe- und Freizeitflächen oft räumlich strikt voneinander getrennt, es entstanden kaum Mischgebiete. In der modernen Quartiersentwicklung geht der Trend dagegen eher wieder zu einer engen Verzahnung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Corona hat diese Entwicklung dadurch beschleunigt, dass für viele Berufsgruppen Homeoffice ein Teil ihres Arbeitslebens ist. Dafür benötigt es am Wohn- und Arbeitsort eine gute Nahversorgung und nicht zuletzt eine optimale Datenanbindung ans Highspeed-Glasfasernetz.

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Die EnBW beweist mit der Planung nachhaltiger Quartiere eindrucksvoll ihre Weiterentwicklung zum ganzheitlichen Infrastrukturpartner. Was sind die wichtigsten Vorteile für Bauunternehmen, Kommunen und Bewohner?

Unser ganzheitlicher Ansatz als Partner für die Entwicklung nachhaltiger und klimafreundlicher Quartiere mit emissionsfreier Mobilität ermöglicht einen immensen Beitrag zum Klimaschutz. Die Planung, Umsetzung und der Betrieb aus einer Hand ermöglichen erhebliche Synergie- und Kosteneinsparpotenziale. Ein wichtiges Ziel unserer Quartiersentwicklung ist nämlich auch, nachhaltigen Wohnraum bezahlbar zu halten. Vielerorts fehlen Wohnungen zu moderaten Kauf- und Mietpreisen. Ein hoher energetischer Autarkiegrad mit Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien hilft nicht nur der Umwelt, sondern bringt den künftigen Bewohnern zudem Kosten- und Versorgungssicherheit – auch die wirtschaftliche Komponente mit möglichst niedrigen und stabil bleibenden Betriebskosten gehört schließlich zu langfristig nachhaltigem Wohnen.

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Welche Aspekte sind noch wichtig?

Der Mensch steht im Mittelpunkt. Beim geplanten Quartier „Der neue Stöckach“ in Stuttgart beteiligt die EnBW intensiv Bürger*innen auf der Suche nach nachhaltigen Lösungen für möglichst klimaneutralen und gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum.

Soziale Teilhabe etwa. Wir brauchen auch Wohnmodelle für eine alternde Gesellschaft. Die Mehrheit der Deutschen möchte im Alter noch möglichst lange unabhängig in den eigenen vier Wänden leben und am sozialen Leben teilnehmen. Dafür ist mehr als nur Barrierefreiheit nötig, hier reden wir auch über Dienstleistungen vor Ort, technologischen Komfort bis hin zu Assistenzsystem für ein selbständiges Leben und viel Lebens- und Aufenthaltsqualität durch ein ansprechendes Umfeld. Zu nachhaltigen Quartieren gehört aus unserer Sicht auch die Förderung des Gemeinschaftsgedankens: Viele Angebote lassen gemeinschaftliche Nutzungen zu. Treffpunkte, Grünflächen und Erholungsräume, aber eben auch die bereits erwähnten Mobilitätsangebote. Wer im Jahr vielleicht fünf längere Fahrradtouren macht, muss sich dafür nicht unbedingt ein eigenes E-Bike kaufen. Wer selten einen eigenen Pkw benötigt, ist mit Car-Sharing viel besser bedient. Eine eigene Paketstation im Quartier erspart überflüssigen Lieferverkehr durch mehrere Zustellversuche und lange Wege für den Versand eigener Sendungen. Zur Digitalisierung in Quartieren gehört, dass sich sämtliche Angebote bequem über eine Quartiersplattform etwa per App buchen lassen.

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Aber die „eine Lösung“ für ein nachhaltiges Quartier gibt es noch nicht, oder?

Die genannten Bausteine sind in der Regel schon essenziell. Gefragt sind ausgewogene, langfristig wirtschaftlich tragfähige Gesamtkonzepte, welche innovative Lösungen aus den Bereichen Gemeinschaft, Energie, Mobilität, Digitalisierung, Wohnen und Arbeiten sowie Umwelt sinnvoll integrieren. Aber jede Quartiersentwicklung ist in den Details anders, da ja auch die örtlichen Gegebenheiten und das Umfeld unterschiedlich sind. Letztlich stehen immer die Menschen mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt. Bei unserem geplanten Quartier „Der neue Stöckach“ in Stuttgart legen wir daher großen Wert auf die Ideen und Vorschläge der Bürger*innen im Rahmen einer intensiven Bürgerbeteiligung. Bei anderen Projekten entwickeln und bauen wir nicht komplett selbst wie in Stöckach, sondern sind vor allem als Infrastrukturspezialist in den Bereichen Energie, Mobilität und gemeinschaftlich genutzte Einrichtungen an Bord.

Projektpause beim Projekt „Der neue Stöckach“

Aufgrund der Rahmenbedingungen auf dem Immobilienmarkt finden vorerst keine Baumaßnahmen auf dem Gelände statt. Weitere Informationen finden Sie auf der Projekt-Website zum neuen Stöckach.

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Wo zum Beispiel?

In Plankstadt, Münsingen, Dörzbach und Laupheim etwa. In Plankstadt bei Heidelberg entwickeln wir gemeinsam mit dem Partner DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft ein Quartier mit rund 180 Neubau-Wohneinheiten, einem Pflegeheim, betreutem Wohnen, einem Verbrauchermarkt sowie Sport- und Kulturhallen. Für Münsingen erarbeiten wir eine Vorstudie für ein Quartierskonzept. In der Stadt zwischen Reutlingen und Ulm sollen 92 Wohn- und eine Gewerbeeinheit entstehen. In Dörzbach, rund 50 Kilometer südwestlich von Würzburg, entwickeln wir derzeit ein Konzept zur Neugestaltung der Ortsmitte. Das KfW-geförderte Projekt umfasst unter anderem bestehende Wohn- und Geberwerbegebäude, einen Kindergarten, eine Schule, ein Alten- und Pflegeheim sowie ein Neubaugebiet in der Ortsmitte. Für ein rund 200 Wohnungen umfassendes Quartier in Laupheim realisieren wir ein Energiekonzept für eine weitgehend autarke Versorgung mit Strom, Wärme und Kälte aus erneuerbaren Quellen. Zum Gesamtkonzept gehört auch hier die Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge mit Wallboxen in den Tiefgaragen. Hinzukommen sollen möglichst auch öffentlichen Ladesäulen. So treiben wir mit nachhaltigen Lösungen in Quartieren wie Laupheim nicht nur die Energiewende, sondern auch die Mobilitätswende voran.

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