Aktuelle E-Autos setzen auf Konnektivität. Sie verbinden Smartphone, Ladetechnik, Navigation und vieles mehr zu einem digitalen, softwarebasierten Gesamtsystem. Dadurch kann sich ein Fahrzeug selbst nach der Auslieferung noch weiterentwickeln: Neue Funktionen, Optimierungen beim Batteriemanagement, sogar Verbesserungen bei der PS-Zahl lassen sich digital ergänzen.
Darum wird die Software im E-Auto immer wichtiger
Früher stand bei Autos lange die Mechanik im Mittelpunkt. Motor, Getriebe und Fahrwerk bestimmten maßgeblich den Charakter eines Autos. Softwarelösungen waren zwar ebenfalls vorhanden, liefen aber meist im Hintergrund – beispielsweise für Steuergeräte, Assistenzsysteme oder bestimmte Komfortfunktionen (automatische Klimaregelung, elektrische Sitzverstellung etc.).
Vor allem bei Elektroautos hat sich dieser Schwerpunkt verschoben. Der elektrische Antrieb benötigt weniger mechanische Komponenten, gleichzeitig steigt die Bedeutung digitaler Systeme. Systeme, die früher strikt nebeneinanderstanden – z. B. Navigation, Batteriemanagement, Ladetechnik – werden nun immer stärker miteinander verknüpft.
Die Automobilbranche spricht deshalb vom Software-defined Vehicle. Gemeint sind Fahrzeuge, bei denen die Software einen wesentlichen Teil der Funktionen bestimmt und weiterentwickeln kann. Und statt vieler einzelner Steuergeräte setzen neue Fahrzeugarchitekturen zunehmend auf zentrale Computer-Einheiten, die verschiedene Bereiche des Autos miteinander verbinden.
Mercedes-Benz verfolgt diesen Ansatz beispielsweise mit MB.OS. Die Plattform soll unterschiedliche Bereiche wie Infotainment, Assistenzsysteme, Fahrzeugsteuerung und digitale Dienste auf einer gemeinsamen technischen Grundlage zusammenführen. Der elektrische Variante des Mercedes CLAs ist nicht nur eines der sparsamsten E-Autos derzeit, sondern auch eines der ersten Modelle, bei denen diese neue Architektur zum Einsatz kommt.
Auch Volkswagen arbeitet über die Software-Tochter CARIAD an einer einheitlicheren Softwarebasis für verschiedene Konzernmarken. Der Hintergrund ist derselbe wie bei Mercedes-Benz: Fahrzeuge sollen über ihre gesamte Nutzungsdauer digital betreut und weiterentwickelt werden können.

Softwarelösungen werden im E-Auto immer wichtiger und vernetzen Navigation, Infotainment und viele typische Fahrzeugfunktionen zu einem digitalen Gesamtsystem.
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Das Smartphone als digitaler Autoschlüssel
Die zunehmende Bedeutung der Software im Hintergrund zeigt sich für viele Fahrer*innen zuerst an den Funktionen, die sie täglich nutzen. Der Fahrzeugzugang ist dafür ein gutes Beispiel: Bei vielen Elektroautos kann das Smartphone inzwischen den klassischen Schlüssel ergänzen oder ersetzen.
Technisch funktioniert das über sogenannte Digital-Key-Systeme. Je nach Hersteller kommen dafür Bluetooth, NFC oder Ultra-Wideband-Technologie (UWB) zum Einsatz. Das Smartphone kommuniziert dabei direkt mit dem Fahrzeug und kann den Zugang freigeben.
Bei Volvo lässt sich gut erkennen, wie diese Funktion weiterentwickelt werden kann. Bei kompatiblen Fahrzeugen lässt sich der digitale Schlüssel mit verschiedenen Geräten nutzen und zwischen Personen teilen. Rechte können dabei ganz individuell vergeben werden. Ein Familienmitglied kann beispielsweise dauerhaft Zugriff erhalten, während eine andere Person – etwa eine Werkstatt oder ein Carsharing-Nutzer – nur für einen bestimmten Zeitraum Zugang bekommt.
Der nächste Schritt ist die stärkere Verknüpfung mit persönlichen Nutzerprofilen. Hinterlegte Einstellungen können künftig nicht nur in einem einzelnen Fahrzeug gespeichert werden, sondern über ein Nutzerkonto zum Beispiel auch auf kompatible Fahrzeuge derselben Marke übertragen werden. Erkennt das Fahrzeug die Person am Steuer (z. B. per Schlüssel oder Login), werden individuelle Vorlieben automatisch übernommen – beispielsweise Sitzposition, Spiegel oder bevorzugte Innenraumtemperatur. Interessant ist das zum Beispiel für Firmenflotten, bei denen verschiedene Fahrer*innen regelmäßig unterschiedliche Fahrzeuge nutzen.
Neben den genannten Vorteilen birgt der Einsatz des Smartphones als digitaler Autoschlüssel auch Risiken. Kriminelle können versuchen, sich Zugriff auf die Hersteller-App des Autos und damit Zugang zum Fahrzeug zu verschaffen. Aus diesem Grund sollte unbedingt eine Zwei-Faktor-Authentifizierung für die Fahrzeug-App eingerichtet werden. Darüber hinaus sollten sowohl das Betriebssystem des Smartphones als auch die Fahrzeug-App stets auf einem aktuellen Stand gehalten werden.
Die Fahrzeug-App als Schaltzentrale für alles
Der digitale Schlüssel ist nur eine von vielen Funktionen, die das Smartphone im E-Auto übernehmen kann. Über die Hersteller-App wird das Handy zur zentralen Schnittstelle zwischen Fahrer*in und Fahrzeug – vor, während und nach der Fahrt.
Etliche Funktionen, die früher nur direkt im Fahrzeug verfügbar waren, lassen sich inzwischen aus der Entfernung steuern. Dazu gehören beispielsweise der Ladezustand, der Start oder die Planung von Ladevorgängen, die Vorklimatisierung des Innenraums oder die Anzeige des Fahrzeugstandorts.
Welche Möglichkeiten die Apps bieten, unterscheidet sich allerdings je nach Hersteller. Tesla war hier stilprägend und hat die App früh als zentrale Verbindung zum Fahrzeug etabliert. Heute bieten die meisten Hersteller ähnliche Grundfunktionen, gehen zum Teil aber auch darüber hinaus. BMW ermöglicht zum Beispiel mit der My BMW App auch das ferngesteuerte Ein- und Ausparken ausgewählter Modelle.
Das Infotainment als Kommunikationszentrale
Musik hören, Podcasts oder Hörspiele streamen, kleine Games zocken oder digitale Dienste wie Navigation, Sprachassistenten oder Wetterinformationen nutzen: Viele dieser Anwendungen kennen Sie natürlich von Ihrem Smartphone. Im modernen E-Auto sind sie jedoch zunehmend direkt im Infotainment-System integriert – ein Smartphone braucht es dafür dann nicht.
Abhängig von Fahrzeug und Hersteller können Sie beispielsweise Streamingdienste direkt über das Fahrzeugdisplay verwenden, Ihre Lieblings-Apps nutzen oder weitere digitale Angebote über das integrierte System steuern. Für genügend Unterhaltung während der Ladepause ist dann gesorgt: Einige Hersteller integrieren beispielsweise Spiele, die man auch während des Stehens nutzen kann. Bei chinesischen Autobauern gibt es sogar Karaoke.
Der Vorteil einer direkten Integration ins Fahrzeug: Digitale Dienste werden stärker mit den Funktionen des Autos verbunden. Navigation, Sprachsteuerung, Ladeinformationen oder Fahrzeugdaten laufen nicht mehr unabhängig voneinander, sondern können miteinander kommunizieren. So kann beispielsweise die Routenplanung berücksichtigen, wie viel Energie noch im Akku vorhanden ist, oder die Sprachsteuerung bestimmte Fahrzeugfunktionen direkt bedienen.
Die Autohersteller nutzen dafür immer stärker die Softwareplattformen der großen Tech-Unternehmen. Ein Beispiel ist Android Automotive OS. Anders als Android Auto läuft das Betriebssystem von Google direkt auf der Fahrzeughardware und wird unter anderem von Volvo und Polestar eingesetzt. Apple verfolgt mit CarPlay Ultra einen ähnlichen Ansatz, bei dem das iPhone stärker als bisher mit digitalen Instrumenten (z. B. Drehzahlmesser) und Fahrzeugfunktionen (z. B. Radio, Sitzheizung) verbunden wird. Aktuell ist das System vor allem bei Aston Martin verfügbar. Apple hat außerdem weitere Hersteller wie Hyundai, Kia und Genesis als zukünftige Partner angekündigt.
Aber die Vernetzung beschränkt sich dabei nicht aufs Smartphone. Das E-Auto wird zunehmend Teil eines digitalen Ökosystems, in dem das Fahrzeug auch mit anderen Geräten kommuniziert. Ein Beispiel ist die Verbindung mit dem Smart Home: Schon auf dem Heimweg schaltet das Auto die Heizung zu Hause an oder öffnet das Garagentor. Solche Funktionen stehen aber heute noch ganz am Anfang, könnten aber bald selbstverständlich werden.

Android Automotive OS und CarPlay Ultra sind Weiterentwicklungen der bekannten Dienste und laufen im Fahrzeug zum Teil als eigenständiges Betriebssystem.
Over-the-Air-Updates liefern neue Funktionen per Internet
Neben den Betriebssystemen hält auch noch etwas anderes bei E-Autos Einzug, was wir sonst eher von unseren Smartphones oder Laptops kennen: übers Internet heruntergeladene Softwareaktualisierungen. Denn sogenannte Over-the-Air-Updates (OTA) ermöglichen es Herstellern, neue Software-Versionen direkt an bereits ausgelieferte Fahrzeuge zu verteilen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Fehlerkorrekturen oder das letzte Sicherheits-Patch. Gerade bei Elektroautos beeinflusst die Software enorm, wie effizient alle Systeme zusammenarbeiten – und kann beispielsweise gezielt dazu beitragen, die vorhandene Akkukapazität (noch) besser zu nutzen.
Wie etwa bei Škoda Enyaq iV. Mit der Software-Version ME3 hatte Škoda bei bereits ausgelieferten Fahrzeugen im Februar 2022 unter anderem das Batteriemanagement optimiert. So kann der Akku schneller in einen günstigen Temperaturbereich gebracht und dort gehalten werden. Das verbessert die Leistungsabgabe, die Rekuperation und die reale Reichweite. Die Lade-Performance wurde ebenfalls angepasst: Bei bestimmten Batterievarianten stieg die maximale Ladeleistung beispielsweise von 100 auf bis zu 120 kW beziehungsweise von 125 auf bis zu 135 kW. Zusätzlich kamen Funktionen wie ein Batteriepflege-Modus hinzu, der den Akku bei Bedarf schonender lädt.
KI im Auto: So erleichtern intelligente Assistenten das Fahren
Die nächste Stufe der Software-Entwicklung betrifft die Bedienung des Fahrzeugs. Sprachsteuerungen gibt es zwar schon seit Jahren, bislang funktionieren sie aber häufig nach einem einfachen Prinzip: Das System erkennt bestimmte Befehle und führt eine einzelne Aktion aus. „Navigiere zu …“, „Stelle die Temperatur auf 21 Grad“ oder „Rufe eine Person an“ sind typische Beispiele.
Mit KI-basierten Assistenten ergeben sich ganz neue Dimensionen. Das Fahrzeug soll Zusammenhänge besser verstehen und mehrere Informationen miteinander verbinden können. Anstelle eines einzelnen Sprachbefehls könnte man dem Auto dann z. B. auftragen:
„Ich möchte morgen früh nach München fahren. Plane die Route, berücksichtige das Wetter und suche passende Ladestopps.“
Dafür muss das System verschiedene Datenquellen zusammenführen: die Navigation, den Batteriestand, verfügbare Ladepunkte, Verkehrsinformationen und persönliche Einstellungen.
Ein konkretes Beispiel für diese Entwicklung liefert wieder Volvo. Der schwedische Autobauer setzt bereits heute auf eine enge Verbindung zu Google-Diensten im Fahrzeug. Mit der Integration von Google Gemini soll die Sprachbedienung künftig stärker in Richtung eines digitalen Gesprächspartners gehen. Statt ausschließlich festgelegte Sprachbefehle zu erwarten, soll das System Fragen verstehen, Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen und Nutzer*innen bei Aufgaben wie Reiseplanung oder Informationssuche unterstützen.
Softwarelösungen als neue Geschäftsmodelle
Die Freischaltung neuer Funktionen ist aber nicht nur auf die Software-Seite beschränkt. Selbst bei der Hardware – der Mechanik – gibt es Möglichkeiten. Während früher viele Eigenschaften eines Autos – etwa Motorisierung oder bestimmte Ausstattungsmerkmale – bei der Bestellung endgültig festgelegt wurden, können einige Funktionen heute auch nachträglich ergänzt werden.
Wie das funktioniert, lässt sich beispielsweise beim Volkswagen ID.3 sehen. Bei bestimmten Varianten kann die Motorleistung nachträglich digital erhöht werden. Da die dafür notwendige Hardware bereits verbaut ist, reicht die Freischaltung per Software-Upgrade durch den Hersteller aus. Für Besitzer*innen kann das interessant sein, wenn sich die Anforderungen an das Fahrzeug verändern: Ein Modell, das für gewöhnlich vor allem für Pendelfahrten genutzt wird, kann z. B. im Urlaub kurzzeitig zusätzliche PS erhalten.
Auch Audi verfolgt mit Functions on Demand einen ähnlichen Ansatz. Bei bestimmten Modellen lassen sich zusätzliche Funktionen nachträglich digital aktivieren. Dazu gehören beispielsweise das MMI Navigation plus-System mit erweiterten Navigationsfunktionen oder bestimmte erweiterte Assistenzfunktionen wie der Parkassistent plus.
Das Konzept steht allerdings massiv in der Kritik. Viele Kund*innen empfinden es als unfair, nochmals für Technik zur Kasse gebeten zu werden, die sie beim Kauf des E-Autos schon (mit-)bezahlt haben.
Fazit: Das Auto wird zum vernetzten digitalen Produkt
Das E-Auto wird häufig mit einem Smartphone auf Rädern verglichen. Treffender ist aber ein anderer Blickwinkel: Moderne Elektroautos sind vernetzte Computersysteme, bei denen Fahrzeug-Hardware, Software, Cloud-Dienste und Smartphone-Anschluss immer stärker zusammengehören.
Diese Entwicklung verschiebt auch die entscheidenden Kriterien beim E-Auto-Kauf. Dabei bleiben Reichweite, Ladeleistung, Ladegeschwindigkeit und andere Kennzahlen immens wichtig – gleichzeitig werden Fragen interessanter, die bislang kaum zu beantworten sind:
- Wie lange erhält das Fahrzeug Software-Updates?
- Welche Funktionen sind durch die verbaute Hardware vorbereitet?
- Welche Dienste gehören dauerhaft zum Fahrzeug und welche werden separat angeboten?
- Und was passiert eigentlich, wenn der Hersteller einen Dienst einstellt?
Zudem wird das Fahrzeug nun zu einer Quelle digitaler Daten. Sensoren und Systeme erfassen Informationen über Nutzung, Energieverbrauch, Fahrzustand oder Umgebung. Diese Daten können beispielsweise für bessere Navigationsdienste, Wartungskonzepte oder neue Mobilitäts- und Versicherungsangebote (z. B. Telematik-Tarife) genutzt werden. Die Frage, welche Daten erhoben werden und wer darauf zugreifen kann, wird deshalb künftig beim „Connected Car“ noch eine wichtige Rolle spielen.
