Über 30 Milliarden Euro haben die EU-Staaten seit Ausbruch des Nahostkonflikts zusätzlich für den Import fossiler Brennstoffe ausgegeben. Nach der Gaskrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine 2022 ist dies bereits der zweite große Preisschock in der Energiebeschaffung innerhalb von vier Jahren. Und erneut sind es die fossilen Brennstoffe, die die Strompreise in die Höhe treiben. Dennoch hält sich eine Behauptung hartnäckig: „Erneuerbare Energien machen den Strom teuer."
Stimmt das? Die Kurzbewertung
Die knappe Antwort lautet: Nein, diese Aussage ist so nicht korrekt. Die Preistreiber im Energiesektor liegen woanders. Was den Strompreis in Deutschland beeinflusst, sind vor allem:
- Fossile Brennstoffpreise – sie bestimmen über die Merit Order – also die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke – den Großhandelspreis und damit die Beschaffungskosten.
- Netznutzungsentgelte – sie finanzieren den Ausbau und Betrieb der Stromnetze.
- Steuern, Abgaben und Umlagen – sie machen rund ein Drittel des Strompreises aus.
Dabei werden die Netznutzungsentgelte von der Bundesnetzagentur festgelegt, Steuern und Umlagen sind gesetzlich geregelt. Zusammen stehen diese staatlich regulierten Bestandteile für knapp 60 Prozent des Strompreises. Nur gut 40 Prozent entfallen auf die eigentliche Energiebeschaffung.
Wie sich der Strompreis zusammensetzt
Nach der aktuellen Strompreisanalyse des BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.) setzt sich der durchschnittliche Haushaltsstrompreis in der Grund- und Ersatzversorgung von derzeit 37,0 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) konkret so zusammen:
Strompreiszusammensetzung für Haushalte 2026
Quelle: BDEW; Stand: 04.2026
Haushalte mit Sonderverträgen zahlen teilweise deutlich weniger. Die Zusammensetzung der Preisbestandteile bleibt jedoch grundsätzlich gleich.
Die folgenden Fakten zeigen, was für hohe Strompreise sorgt – und was nicht.
Fakt 1: Die EEG-Umlage gibt es nicht mehr
Lange Zeit war die EEG-Umlage eines der Hauptargumente derjenigen, die die erneuerbaren Energien für hohe Strompreise verantwortlich machten. Die Umlage diente dazu, den Ausbau von Wind- und Solaranlagen zu finanzieren, wurde direkt auf den Strompreis aufgeschlagen und von den Verbrauchern getragen. Auf ihrem Höchststand lag sie bei 6,88 ct/kWh (2017). Zum 1. Juli 2022 wurde sie auf null gesenkt, zum 1. Januar 2023 wurde sie vollständig abgeschafft.
Fakt 2: Erneuerbare Energien sind heute die günstigste Form der Stromerzeugung
Windkraftanlagen und Solarparks erzeugen heute schon einen Großteil des in Deutschland benötigten Stroms. Und dass deutlich günstiger als andere Kraftwerke. Gemessen wird dies anhand der sogenannten Stromgestehungskosten. Sie umfassen alle finanziellen Aufwände über die gesamte Lebensdauer der Erzeugungsanlage: Bau, Betrieb, Brennstoff, Wartung. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) berechnet diese Kosten seit 2010 regelmäßig für Deutschland.
Die Ergebnisse der aktuellen Studie von 2024 sind eindeutig: Die Stromgestehungskosten von Windkraft und Solaranlagen sind drei Mal niedriger als bei konventionellen Anlagen. Bis 2045 prognostiziert das Fraunhofer ISE für PV-Freifläche sogar nur noch 3,1 – 5,0 ct/kWh. Auch Windenergie wird günstiger: Die Kosten für Onshore-Windstrom sinken auf 3,7 bis 7,9 ct/kWh – vor allem durch leistungsstärkere Anlagen und eine höhere Auslastung.
Stromgestehungskosten nach Energieträgern in Deutschland 2024 (in ct/kWh)
Fakt 3: Fossile Brennstoffe treiben den Strompreis
Geopolitische Krisen wirkten sich zuletzt mehrfach deutlich auf den Gaspreis aus – und ließen damit auch die Strompreise in die Höhe schnellen. Denn in Deutschland wird Strom an einer Börse gehandelt – ähnlich wie Aktien an einer Wertpapierbörse. Und auch hier bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis.
Das Merit-Order-Prinzip
Der Börsenstromhandel folgt einem besonderen Prinzip: Die sogenannte Merit-Order legt die Reihenfolge fest, in der Stromerzeuger verkaufen dürfen. Die Grundregel: Wer günstig Strom anbieten kann, verkauft zuerst. Sortiert werden die Kraftwerke dabei nach ihren sogenannten Grenzkosten – den Kosten also, die für die Erzeugung jeder weiteren Einheit Strom entstehen würden. Die niedrigsten Kosten haben in der Regel die Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Energien – denn Wind und Sonne kosten keinen Brennstoff.
Wenn Erneuerbare allein die Nachfrage nicht decken können, werden – aufsteigend nach den Grenzkosten – andere Kraftwerke zugeschaltet. Das letzte zugeschaltete Kraftwerk bestimmt schließlich den Marktpreis. Und zwar nicht nur für den eigenen Strom, sondern für alle in dieser Stunde. Werden diese letzten Kraftwerke mit teurem Gas betrieben, führt das auch an der Strombörse zu Spitzenpreisen.
Allerdings schlagen sich diese Schwankungen nicht sofort auf die Stromrechnung nieder: Viele Energieversorger – darunter die EnBW – kaufen den Strom für ihre Kund*innen langfristig am Terminmarkt ein, teils Jahre im Voraus. Das schützt bei Preisspitzen, bedeutet aber auch: Wenn die Börsenpreise sinken, dauert es, bis die Entlastung ankommt.
Strompreisentwicklung seit 2022
Im März 2022 lagen die Börsenstrompreise in Deutschland deutlich über denen des Vorjahres; einzelne Stundenpreise sogar bei mehr als 300 € pro MWh, während der durchschnittliche Großhandelsstrompreis im Jahr 2022 insgesamt auf 235 € pro MWh anstieg. Ein Plus von 143,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert (2021: 96,85 €/MWh).
2026 kommt es erneut zu einer Erschütterung des Energiemarkts: Der Iran-Krieg hat Produktionsanlagen in den Golfstaaten beschädigt und Lieferwege blockiert. Die Gasproduktion ist beeinträchtigt, die Preise steigen. Im März wurden an der Börse in Amsterdam für eine Megawattstunde (MWh) Erdgas in der Spitze bis zu 74 Euro bezahlt – etwa 104 Prozent mehr als vor dem Konflikt (Januar/Februar 2026: Ø 36 €/MWh). Im Durchschnitt lagen die Werte im März rund 60 Prozent über dem Niveau vom Beginn des Jahres.
Dennoch unterscheidet sich die Lage 2026 grundlegend von 2022: Damals stiegen die Großhandelsstrompreise innerhalb weniger Monate rasant, weil russische Gaslieferungen nahezu vollständig wegfielen. Auch die aktuelle Krise belastet den Gasmarkt erheblich, hat jedoch bislang keinen vergleichbaren Preisschock beim Strom ausgelöst. Auch, weil der hohe Anteil erneuerbarer Energien im Strommix preisdämpfend wirkt.
Fakt 4: Erneuerbare senken den Börsenstrompreis
Der gleiche Mechanismus funktioniert auch umgekehrt: Je mehr Strom aus Wind und Sonne verfügbar ist, desto weniger andere, teurere Kraftwerke werden gebraucht. Die günstigeren Kraftwerke bestimmen den Rahmen. Der Börsenpreis sinkt für alle.
Auch das zeigt sich in Zahlen:
- Nach Spitzenpreisen auf dem Höhepunkt der Gaskrise 2022, sanken die Beträge 2025 auf nur noch 89,3 €/MWh. Ein Grund laut der Agora-Analyse „Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2025“: Der starke Zubau von Solaranlagen wirkte preisdämpfend, besonders im Sommerhalbjahr.
- An sonnen- und windreichen Tagen rutscht der Börsenpreis immer häufiger ins Minus – Strom ist dann im Überfluss vorhanden.
- Laut Agora Energiewende kann der planmäßige Ausbau erneuerbarer Energien den Börsenstrompreis bis 2030 um rund 20 €/MWh senken.
Zusammengefasst heißt das: Jede Kilowattstunde, die Sonne und Wind liefern, verdrängt teureren Strom aus fossilen Energien und drückt damit den Preis nach unten.
Fakt 5: Was Strom in Deutschland verteuert
Trotz des preisdämpfenden Effekts erneuerbarer Energien bleibt der Strompreis in Deutschland hoch. Das liegt an weiteren Bestandteilen:
- Netznutzungsentgelte: Sie finanzieren Ausbau, Betrieb und Wartung der Stromnetze und machen derzeit etwa 25 Prozent des Strompreises aus. Ein Kostenfaktor innerhalb der Netzentgelte ist das sogenannte Netzengpassmanagement: Da erneuerbare Energien gesetzlichen Einspeisevorrang haben, der Netzausbau aber nicht überall Schritt hält, müssen Anlagen zeitweise abgeregelt werden. Die Kosten dafür lagen 2025 bei 3.071 Mio. Euro. Die Übertragungsnetzbetreiber gehen davon aus, dass die Engpasskosten bis 2028 deutlich sinken. 2026 werden die Netzentgelte insgesamt durch einen Bundeszuschuss von 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds gedämpft und Stromkunden entlastet.
- CO₂-Zertifikate: Der EU-Emissionshandel verteuert gezielt die fossile Stromerzeugung. Da Gas- und Kohlekraftwerke für jede erzeugte Megawattstunde CO₂-Rechte kaufen müssen, steigt mit dem CO₂-Preis auch der Börsenstrompreis – erneuerbare Energien sind davon nicht betroffen.
- Steuern und Abgaben (34 Prozent des Strompreises): Stromsteuer, Mehrwertsteuer, KWKG-(Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz) Umlage, Offshore-Netzumlage, Konzessionsabgabe – rund ein Drittel des Preises ist staatlich festgelegt. Die Posten dienen unterschiedlichen Zwecken: Die Stromsteuer ist eine allgemeine Staatseinnahme. Die KWKG-Umlage fördert effiziente Anlagen, in denen zugleich Strom und Wärme erzeugt werden. Die Offshore-Netzumlage wiederum finanziert den Anschluss von Windparks auf See an das Stromnetz. Hinzu kommen Mehrwertsteuer (19 Prozent) und Konzessionsabgaben an die Kommunen. Politisch wird derzeit über eine Senkung der Stromsteuer diskutiert. Für die Industrie bleibt sie 2026 auf dem EU-Minimum – für private Haushalte steht vorerst keine Senkung der Stromsteuer an.
Fakt 6: Beim Umbau des Energiesystems entstehen Kosten
Der Ausbau erneuerbarer Energien ist nicht kostenlos. Die Kosten entstehen allerdings nicht bei der Erzeugung von Wind- und Solarstrom – sondern beim Umbau der Infrastruktur. Dieser ist nicht nur für die Energiewende, sondern auch für die notwendige Modernisierung des Energiesystems zwingend erforderlich:
- Netzausbau: Bis 2045 sind rund 263 Milliarden Euro für Verteilnetze und 156 Milliarden Euro für Übertragungsnetze nötig.
- Netzengpassmanagement: Ausgleichszahlungen für abgeregelte Anlagen (siehe Fakt 5).
- Speicher und Backup-Kraftwerke: Für Zeiten ohne Wind und Sonne müssen Speicherlösungen und flexible Kraftwerke gebaut oder umgerüstet werden, die schon heute auf einen künftigen Betrieb mit Wasserstoff ausgerichtet werden.
Hierbei handelt es sich um Infrastrukturinvestitionen – vergleichbar mit denen für den Aufbau oder die Modernisierung von Straßen, Brücken oder dem Glasfasernetz. Teile davon wären auch ohne den Umstieg auf erneuerbare Energien notwendig, etwa für den Austausch veralteter Leitungsinfrastruktur.
Die Kosten lassen sich allerdings reduzieren. Eine im April 2025 veröffentlichte Studie von Aurora Energy Research im Auftrag der EnBW zeigt, dass sich die Gesamtsystemkosten des Stromsektors – also Erzeugung, Netze, Speicher und Wasserstoffinfrastruktur zusammengenommen – bis 2045 um bis zu 700 Milliarden Euro senken lassen. Die Klimaschutzziele und eine sichere Versorgung bleiben dabei gewährleistet.